Es ist kaum zu glauben. Gestandene Wissenschaftler an Forschungsinstituten in Frankreich, Israel, Italien und Kanada berichten, sie hätten eine wäßrige Lösung von Antikörpern so lange immer wieder verdünnt, bis nach menschlichem Ermessen kein einziges dieser Proteinmoleküle mehr darin enthalten gewesen sein konnte. Dennoch habe diese „leere“ Flüssigkeit die gleiche biologische Reaktion hervorgerufen, wie sie von den Antikörpern provoziert wird. Unglaublicher noch: Tests während des stufenweisen Verdünnungsprozesses sollen gezeigt haben, daß die Immunreaktion bei einer bestimmten Antikörperkonzentration ausblieb, bei weiterer Verdünnung jedoch wieder einsetzte, danach abermals verschwand, wieder auftrat ... ein rhythmisches Hin und Her ad infinitum.

Dieses Resultat erschüttert die Grundfesten unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes, weshalb die Herausgeber der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature, die den Forschungsbericht des Immunologen J. Benveniste und zwölf seiner Kollegen schon monatelang in den Händen hielten, lange gezögert haben, ihn zu veröffentlichen. Sie taten es dann auch nur mit einer bisher in der wissenschaftlichen Mitteilungspraxis noch nie dagewesenen Auflage an das Forscherteam: Nature erklärte sich nur bereit die Arbeit zu publizieren, wenn die Autoren dafür sorgten, daß ihre Experimente an einem anderen, unabhängigen Forschungsinstitut wiederholt würden. Benveniste und sein Team waren damit einverstanden – das Ergebnis dieser Nachprüfung steht noch aus.

Ein Nichts also soll, sofern das Experimentalergebnis stimmt, eine Wirkung hervorrufen – oh Francis Beacon! Kein „Nichts“ belehren uns diejenigen, die sich über die neuerliche Ratlosigkeit der Naturwissenschaftler diebisch freuen, die Homöopathen zum Beispiel und alle jene, die mit dem Alt-Wissenschaftskritiker Hamlet immer schon gewußt haben wollen, daß es „mehr Dinge im Himmel und auf Erden gibt, als eure Schulweisheit sich träumt“. Zwar mag, so sehen es die Jünger Hahnemanns, in einer extremen Verdünnung – in ihrer Heilkunst heißt dies „Potenzierung“ – kein Molekül des Wirkstoffs mehr vorhanden sein, wohl aber befinde sich darin noch dessen Information. Und die wirke. Andere Leute aber haben mit dem tätigen Geist des einmal Dagewesenen ihre philosophischen Schwierigkeiten. Wer aber hatte sie nicht, als Albert Einstein seine unglaublichen Thesen über Zeit und Raum veröffentlichte oder Werner Heisenberg uns eine für alle Zeiten unüberschreitbare Erkenntnisgrenze zog?

Die Erfahrung freilich lehrt uns, daß wir gut daran tun, überraschenden Experimentalergebnissen mit Skepsis zu begegnen, auch dann übrigens, wenn sie offensichtlich erfolgreich nachgeprüft sind. Einigen prominenten Naturwissenschaftlern steigt heute noch die Schamröte ins Gesicht, wenn jemand das „Polywasser“ erwähnt. „Entdeckt“ hatte es der Chemiker Fedjakin in Moskau: ein sich unter extremen Bedingungen in feinen Quarzröhrchen niederschlagendes Wasser mit äußerst seltsamen physikalischen Eigenschaften. Sechs Jahre lang haben Wissenschaftler an renommierten Instituten in Ost und West dieses wachsige Wasser-Allotrop herzustellen vermocht, bis schließlich offenkundig wurde, daß es nichts anderes war als aufgeschwemmter Dreck. Sollte die mysteriöse Antikörper-Information in Benvenistes biologisch aktiver Lösung auch nur eine Verschmutzung sein?

Dem Naturforscher „sin Ul“ – eine willkommene Nachtigall ist sie den Zeitgenossen, die sich von Erkenntnissen und insbesondere von den notorischen Zweifeln der exakten Wissenschaftler belästigt fühlen. „Seht wie hilflos sie nun dastehen, die Neunmalklugen, angesichts eines Resultats, das ihnen nicht in den Kram paßt“, höhnen wir schadenfreudig – und vergessen dabei, daß wir im umgekehrten Fall um kein Deut einsichtiger reagieren, wenn uns ein Ergebnis der Wissenschaft gegen den Strich geht. Daß sich ein Kind nicht die Augen verdirbt, wenn es bei Dämmerlicht liest – Eltern mögen dies nicht wahrhaben; daß der Mond keineswegs das Wetter beeinflußt und Grog nicht gegen Erkältung hilft – wer mag’s schon glauben? Wenn ein Forschungsergebnis gar unserer Weltanschauung zuwiderläuft, kennen wir kein Pardon. Überaus heftig hat jüngst eine Anzahl ZEITleser reagiert – einer drohte gar mit der Kündigung seines Abonnements –, als wir an dieser Stelle Zoologen zu Wort kommen ließen, die wissenschaftlich begründete Zweifel daran hegen, daß das Robbensterben ursächlich mit der Verschmutzung der Nordsee zusammenhinge.

Sollte die ausgleichende Gerechtigkeit dafür sorgen, daß nun wieder die Wissenschaft an der Reihe ist, eine ihrer Grundüberzeugungen aufgeben zu müssen? Thomas v. Randow