Von Ludwig Harig

Nichts ist an seinem Platz. Nichts ist je an seinem Platz gewesen. Ich habe etwas verloren und kann es nicht wiederfinden. Ich habe etwas vergessen und kann mich nicht mehr daran erinnern. Ist es vielleicht aufgeschrieben in einem Buch, das ich hergeliehen oder im Regal verstellt habe und nicht wiederfinden kann? Was hängt von einem Buche ab? Was liegt an einer Buchstelle, der vielleicht nicht einmal etwas Besonderes zu entnehmen ist? Es ist mehr, als man denken möchte! Manchmal ist es nur ein Buchstabe, der fehlt, oder einer, der zuviel ist: Schon bricht eine ganze Welt zusammen oder eine neue taucht auf.

In den Sommerferien 1933 reiste Mutter mit Hermann und mir nach Laufersweiler, einem fernen, verschlafenen Hunsrückdörfchen, in dem Opa geboren war, Mutters Vater. „Kinder, da ist es schön“, sagte Opa, „da lebt ihr in einem Bauernhaus mit Tante Mina und Tante Lina, mit Onkel August und Vetter Kurt.“ Opa fuhr sich durch den Schnurrbart, kratzte sich am Ohr und erzählte, gleich hinter dem Haus begännen die Wiesen, hinter den Wiesen lägen die Felder, hinter den Feldern fließe ein Bach. Und hinter dem Bach? Ja, auf der anderen Seite des Bachs steige ein Gebirge auf, ein Hundsbuckel, sagte Opa, ganz bedeckt mit Wald, in dem einst ein räuberischer Schinderhannes gehaust und die reichen Kaufleute ausgeplündert habe. Als er dann sagte, dieser Wald heiße Idarwald, da konnte ich nicht wissen, daß es auch ein fernes Idagebirge gab. Noch hatte ich nicht lesen gelernt, doch obwohl mir auch niemand erzählt hatte von diesem anderen Gebirge, wehte mich ein geheimnisvoller Zauber an, und abends, vor dem Einschlafen, wenn ich im Bett lag und schon die Augen geschlossen hatte, sah ich Landschaften und Figuren aus alten Bilderbüchern lebendig werden.

Nur ein überzähliger Buchstabe? Nur ein fehlender Buchstabe? Auch heute, 55 Jahre später, weiß ich nicht, wohin ich unterwegs bin: Ich fahre durch einen Brodem aus Dunst und Dämmer, die Sonne zerreißt Tauschleier und Nebelstreifen, doch was kommt darunter hervor? Ist es der Hunsrücker Idar im Rheinischen Schiefergebirge? Ist es der phrygische Ida in Kleinasien? Ich fahre zurück in die Kinderzeit, immer der Straße, immer der Nase nach, und da säumen dicke Birken die Hunsrückhöhenstraße, aus den Mulden heraus folgen sie der Chaussee auf die flachen Höhen, in den Hohlwegen blühen Ginster und Lupinen, ein Hang ist mit Margeriten übersät, Licht und Schatten fleckt die Äcker, sie sind sanft gewellt und strotzen von reifendem Getreide. Auf einem Hügel stehen Kühe beisammen, krummgehörnt, breitgestirnt, sie strecken einander die Köpfe zu, als seien sie in dumpfe Verschwörungen verstrickt.

Der Bahnhof von Büchenbeuren, wo Onkel August uns damals mit dem Kuhwagen abholte, liegt abseits an rostigen Geleisen; auf dem Vorplatz, unter blühendem Rotdorn, steht eine Hundehütte, stabil gezimmert, schwarz geteert. Ein kläffender Köter zerrt an seiner Kette, fletscht die Zähne, was wäre, wenn ich näherträte, denke ich, wedelte er dann mit dem Schwanz und ließe mich eintreten in seine hündische Unterwelt? Ich wende mich ab. Fichtenstücke, Rapsfelder, Schieferdächer, rechter Hand ragt der Idarwald auf: Ich bin angekommen. Ich suche das Haus, ich finde es im Unterdorf. Ich lege meine Hand auf die Türklinke und spüre die Wärme, die mir aus ihr entgegenschlägt, ich ertappe mich, wie ich sie streichele, als ob ich liebkosend ein längst vergangenes Krächzen aus ihr hervorlocken könnte. Da ist die Diele, die Treppe, die gute Stube, ich springe über die Schwelle, um Tante Lina zu sehen, Onkel August zu begrüßen, Tante Mina in die Arme zu laufen, doch niemand lebt mehr.

Opas Vaterhaus ist ein Wolkenkuckucksheim, die Ferienfarm meiner Kindheit, mit zwei Kühen, vier Schweinen, acht Stallhasen und einem brausenden Wespennest auf der Tenne. Was für ein Haus! Unten, zu ebener Erde, sind rundum Türen und Fenster eingelassen, doch nicht im einfachen Zuschnitt: Die Fenstertraversen sind halbrund gebogen, die Türen kunstvoll geschnitzt, Außenmauern und Innenwände kommen einander entgegen, streifen und berühren sich, als wollten sie Schlupfwinkel bilden, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt, wenn man einmal in sie eingedrungen ist.

Ja, Opas Vaterhaus ist ein ländliches Labyrinth, und obendrüber wölbt sich ein Walmdach, hoch und mächtig, doppelt geknickt. Zwar steht das Haus immer noch dort, wo es vor 200 Jahren hingebaut worden ist, doch jedesmal, wenn ich mich daran erinnerte, sah ich vor mir ein ineinandergeschachteltes Gemäuer, Dachgaupen, Schornsteine, Schweinekoben, festgefügt im Fachwerk, glattverputzt mit Kalkspeis, ein Bild von Ludwig Richter: Wie in Holz geschnitten sind in mein Gedächtnis eingegraben die Linien von Haus und Stall, die Umrisse von Scheune und Holzverschlag. Es ist Schlachtfest, der Metzger weidet ein Schwein aus. Die Bäuerin trägt ein Schüssel mit Wurstsuppe. Ist es Tante Lina? Der Junge schleppt einen Kübel mit Blut. Ist es Vetter Kurt? In meinem Hirn wirbeln die Bilder durcheinander, da gibt es Männer mit Pudelmützen und im Zylinderhut, Frauen im Häubchen und mit Kopftuch, ein Rottweiler Hund steht mitten im Hof, Knechte und Mägde drängen sich bei der Arbeit, ein kleines Mädchen bläst die Schweinsblase auf. Ist das mein Wolkenkuckucksheim, ist das das Labyrinth aus dem alten Bilderbuch? Spatzen hüpfen am Boden, Hühner picken am Trog, und hoch auf dem Dach sitzen die Tauben und rühren ihre weißen Flügel.