Von Dieter E. Zimmer

Wirksam ist die Psychotherapie. Skeptisch veranlagte Zeitgenossen streiten es zwar ab, viele Mediziner insbesondere halten sie immer noch für nichts als eine modische Form von Gesundbeterei, aber in einer größeren Zahl kontrollierter Erfolgsstudien hat sich immer wieder gezeigt: Sie wirkt, sie erzielt mäßige bis mittlere Erfolge, etwa 80 Prozent der Patienten geht es hinterher in irgendeiner Weise besser.

Es ist dies auch eine Besserung nicht nur nach dem Urteil der Patienten selber und ihrer Therapeuten, in das sich natürlich allerlei Wunschdenken einschleichen könnte. Sie läßt sich an objektiveren Kriterien festmachen – an dem Urteil von Angehörigen, Freunden oder Kollegen und dem von nicht eingeweihten Gutachtern, an psychiatrischen Testergebnissen, an medizinischen Befunden, an dem Maß, in dem die Therapie die spätere Inanspruchnahme von Ärzten verringert.

Soweit so gut. Aber wie eigentlich wirkt sie? Was ist das Wirksame an ihr?

Aber das sei doch klar, wird jedermann sagen. Wenn sie tatsächlich wirkt, dann weil sie irgendwie das Richtige tue. Und das Richtige könne sie tun, weil sie ein zutreffendes Bild des seelischen Geschehens besitze, mithin auch ein zutreffendes Bild davon, was psychische Störungen sind und wie sie Zustandekommen. Und aus dieser offenbar realistischen Theorie leite sie dann die kompetenten Behandlungstechniken ab. So und nicht anders kämen ihre Wirkungen zustande.

Es klingt überzeugend. Trotzdem läßt sich heute mit einiger Sicherheit sagen, daß es falsch ist.

Zu denken gab bereits das Faktum, daß sich die Techniken mit dem allgemeinen Kulturklima so bereitwillig ändern, ohne daß dies der reklamierten Wirkung Abbruch zu tun scheint. So gab es einen Umschwung von der endlosen Einzeltherapie für das intelligente, selbstbewußte und nicht zuletzt begüterte bürgerliche Individuum der Jahrhundertwende hin zur zeitlich begrenzten Gruppentherapie, und obwohl er alle vorherige Theorie in Frage stellte, überstand die Therapie ihn.