Meinem Akbar“, pflegt die Mutter des Parlamentspräsidenten Rafsandschani zu antworten, wenn sie nach dem Befinden ihres Sohnes gefragt wird, „geht es sehr gut, er ist ein mächtiger Schah in Teheran.“ So witzeln die Iraner über den politischen Werdegang des Hojatoleslam Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, der einst aus der verschlafenen Ortschaft Rafsandschan am Rande der iranischen Salzwüste auszog, um einer der mächtigsten Männer des Orients zu werden. Gemeinsam mit dem greisen Revolutionsführer Chomeini leitet er die Geschicke des Iran. Jetzt hat der Pragmatiker Rafsandschani die Mullahs zum Einlenken bewogen: Die Annahme der UN-Resolution 598 entspringt seinem Machtkalkül.

Im Jahr 1934 geboren, eignete sich der Sohn eines mittelständischen Bauern in der Maktab, der traditionellen Schule, die islamische Grundausbildung an. Mitte der fünfziger Jahre ging Rafsandschani nach Ghom, um an der theologischen Hochschule Fayziya, der Hochburg der schiitischen Gelehrsamkeit, zu studieren. Hier lehrte zu dieser Zeit Ajatollah Ruchollah Chomeini islamische Ethik und Philosophie. Seine Leidenschaft für die Politik wie sein Hang zur Mystik hatten dem Ajatollah innerhalb des schiitischen Klerus den Ruf eines Exzentrikers eingetragen, aber auch eine treue Schülerschaft, die er mit seinen theologischen und politischen Eskapaden faszinierte. Bald geriet auch Rafsandschani in den Bann des eigenwilligen Rechtsgelehrten und saß dem Ajatollah als gelehriger Schüler zu Füßen.

Im Jahr 1963 verkündete der Schah von Persien seine „Weiße Revolution“. Als erster Mullah erhob sich Chomeini, verbannte die Reformen als „unislamisches Machwerk“ und rief die Bevölkerung zum Widerstand auf. Als der unbotmäßige Ajatollah von der Savak, em kaiserlichen Geheimdienst verhaftet wurde, gingen die Theologiestudenten in Ghom auf die Straße, vorneweg Ali Akbar Rafsandschani. Er wurde verhaftet, doch man steckte ihn nicht in den Kerker, sondern in eine Uniform und schickte ihn für zwei Jahre zum Wehrdienst.

Nach Ghom zurückgekehrt, setzte Rafsandschani seine politischen Aktivitäten fort. Sein Lehrer Chomeini saß inzwischen in irakischer Verbannung. Doch in der abgeschlossenen Welt der Moscheen und Koranschulen setzte sich die politisch-religiöse Bewegung fort. Rafsandschani, mittlerweile ein fertig studierter Mullah mittleren Ranges, ein Hojatoleslam also, wurde einer der Organisatoren der Bewegung. Seine Kontakte zu den links-islamischen Volksmudschaheddin, die das Schah-Regime mit Waffengewalt stürzen wollten, brachte ihn für zwei Jahre hinter Gitter. Auf freien Fuß gesetzt, begann er, inzwischen mit der Tochter eines wohlhabenden Bazari vermählt, sich neben der Politik auch mit Wirtschaft zu befassen – zum Wohle der Familie. Er betätigte sich in Teheran als erfolgreicher Immobilienmakler. Mit dem Gewinn aus dem Geschäft kaufte er Pistazienhaine in Rafsandschan. Auch als Intellektueller versuchte sich Rafsandschani erfolgreich. Neben Ubersetzungen aus dem Arabischen, hauptsächlich über Palästina, schrieb er ein vielgelesenes Buch über Amir Kabir, einen Politiker des 19. Jahrhunderts, der aus kleinen Verhältnissen kommend zum mächtigsten Mann Persiens wurde.

Die eigentliche Karriere Rafsandschanis begann mit dem Sieg der islamischen Revolution. Er wurde Mitglied des allmächtigen „Revolutionsrates“. Die Öffentlichkeit aber nahm erst einige Monate nach der Revolution von dem unscheinbaren Mullah mit dem spärlichen Bartwuchs Kenntnis. Er profilierte sich in Fernsehdebatten durch Beredsamkeit und seine analytischen Fähigkeiten. Bald wurde der Name Rafsandschani auch im Zusammenhang mit der mächtigen Islamisch-Republikanischen Partei bekannt, die er neben dem Ajatollah Beheschti und Said Ali Chamenei führte. Die „Böse Dreifaltigkeit“, wie Spötter die Führung der Partei nannten, lenkte faktisch die Geschicke des Iran.

In der Zentrale der Partei explodierte 1981 eine Bombe. Fast die gesamte Führung der Partei, 73 Männer, darunter der zweitmächtigste Mann der Republik, Ajatollah Beheschti, kamen dabei ums Leben. Rafsandschani hatte Glück, zehn Minuten vor der Explosion verließ er das Gebäude. Die Gerüchte sind bis heute nicht verstummt, er sei der eigentliche Drahtzieher des Bombenattentats gewesen. Nach dem’gewaltsamen Tod Beheschtis stand dem Aufstieg Rafsandschanis jedenfalls nichts mehr im Wege. Als graue Eminenz der Islamisch-Republikanischen Partei besetzte er alle wichtigen Ämter im Staat mit seinen Gefolgsleuten. Seinen Bruder Mohammad Haschemi machte er zum Chef des iranischen Fernsehens und Rundfunks. Zugleich sorgte er dafür, daß in den beiden ersten Legislaturperioden die ihm loyal ergebenen Parteigänger ins Parlament kamen, dessen Präsident er seit 1980 ist.

Bald mußte selbst Ajatollah Chomeini einsehen, daß „Scheich Ali Akbar“, wie Rafsandschani auch genannt wird, für das Funktionieren der jungen Republik unentbehrlich geworden ist. Der machtbewußte Geistliche, der Bauernschläue mit staatsmännischer Weitläufigkeit, politischen Scharfsinn mit brutaler Tatkraft, Demagogie mit detaillierter Sachkenntnis in sich vereinigt, verkörpert den pragmatischen, diesseitigen Geist des Chomeini-Staates. Durch seine langjährige Freundschaft mit dem Sohn Chomeinis, Achmat, sorgte der Parlamentspräsident dafür, daß seine Politik stets vom Imam abgesegnet wird.