Was verbindet die obskure Tätigkeit ZIELTINGELN mit dem Vermerk GILT EINZELN? Ein Tip: Es hat etwas mit Intelligenz zu tun. Ob schon jemals jemand zielgetingelt hat? Ich schon. ZIELTINGELN beschreibt, jedenfalls. empfinde ich es so, die Tätigkeit, die zur Entstehung des Begriffs selber geführt hat. Es handelt sich bei dieser Tätigkeit um eine spezielle Form der Wortspielerei: das Herstellen von Anagrammen.

Anagramme entstehen, wie man weiß, indem durch Verschieben der Buchstaben eines Wortes ein neues Wort gebildet wird. So wird Supermans Freundin LOIS kurzerhand in einen SILO umgebaut. Ein Mann mit dem bürgerlichen Namen MAREK verwandelt sich eigenmächtig in Herrn CERAM, Autor des populären Archäologiebuchs „Götter, Gräber und Gelehrte“ (wir wollen die Transformation von K nach C durchgehen lassen). Und nachdem man zielstrebig getingelt hat, wird aus INTELLIGENZ wahlweise GILT EINZELN oder ZIELTINGELN.

Ich bin Schriftsteller, und Anagramme zusammenzustellen ist mir manchmal ein Bedürfnis. Für eine Erzählung, die eine Dreiecksgeschichte zwischen einem Musiker und Armbrustschützen, einer jungen Frau und einer Computerstimme beschreibt, wollte ich als Überschriften für die vierzehn Kapitel der Geschichte Anagramme des Wortes INFORMATION finden, die auch einen Bezug zum Inhalt des jeweiligen Kapitels haben sollten. Die Erzählung hat etwa 50 Seiten, und ich habe insgesamt zwei Wochen daran geschrieben. Um die vierzehn Uberschriften auszutüfteln – von „Orion mit Fan“ über „Ton in Maior F“ bis zu „Roman finito“ – brauchte ich zwei ganze Tage. Ich fragte mich, ob mir nicht mein Computer einen Teil der Arbeit abnehmen könnte.

Wie man an Ausnahmebegabungen à la Sherlock Holmes oder Nick Knatterton sieht, ist konsequentes Kombinieren eine Sache, die nur wenige Menschen beherrschen. Und dann erst das sture Durchtauschen der Buchstaben immer desselben Worts – eine ideale Aufgabe für einen Computer. Ich fing an, ein kleines BASIC-Programm zu entwerfen. Tools nennen die Programmierer solche Hilfsprogrämmchen, die gewöhnlich entwickelt werden, um Unzulänglichkeiten im Betriebssystem oder in Anwenderprogrammen eines Computers auszubügeln.

Da ich kein großer Mathematiker bin, schlug ich in einer Formelsammlung den Abschnitt „Kombinatorik“ auf und kam nach kurzem Multiplizieren zu dem erstaunlichen Ergebnis, daß sich schon ein aus zehn Zeichen bestehendes Wort wie „Buchstaben“ in 3 628 800 Variationen durcheinanderwürfeln läßt. Ein häufig auftretendes Problem: Die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Computers führt zu einer derartigen Menge an Daten, daß sie in vertretbarer Zeit wieder nur von einem Computer bearbeitet werden könnten. Computerfreaks nennen das „Informationsmüll“.

Was tun? Was der Computer dem Schriftsteller keinesfalls abnehmen kann, ist die Entscheidung, eine Buchstabenkombination als ästhetischen Treffer zu beurteilen. In der Art, wie Marcel Duchamps aus Alltagsgegenständen seine Readymades eingesammelt und zu Kunstobjekten ernannt hat, verfolgte ich die Idee, mir vom Computer bildschirmseitenweise Kombinationen eines zu anagrammierenden Worts anbieten zu lassen, um bequem potentielle Treffer herauspicken zu können.

Ich erweiterte das Programm um diverse Regeln, nach denen in der deutschen Sprache sinnvolle Worte zusammengesetzt sind. Nach der Formelsammlung blätterte ich im Duden. Ich brachte dem Programm bei, „ck“, „ch“ und „sch“ in einem eingegebenen Wort zu erkennen und beim Kombinieren als ein einzelnes, untrennbares Zeichen zu behandeln. Nach dem Duden blätterte ich im Buch der Rekorde. Dort steht jenes Wort der deutschen Sprache, das die meisten Konsonanten in einer Folge hat: Angstschweiß. Schließlich mußte ich noch für den Fall, daß aus zwei Worten gleichzeitig Anagramme gewonnen werden sollten, das Leerzeichen herauspflücken lassen. Im Computer ist das Leerzeichen – die Information, daß an bestimmten Stellen des Bildschirms NICHTS steht – auf dieselbe Art codiert wie ein Buchstabe, was beim Kombinieren wieder leere Kilometer ergeben würde. Alle diese Regeln filtern unzulässige Kombinationen aus und schränken die Liste der Anagramm-Kandidaten auf ein zu bewältigendes Maß ein.