ZDF, Mittwoch, 13. Juli: „Marilyn Monroe, geborene Norma Jean Baker“

Fernsehen und Film schaffen sich ihre Stoffe selbst. So reizt zum Beispiel mediale Vermarktung die Medien zu selbstkritischer Attacke: unter all den entstellenden Illusionen das wahre Bild freizulegen. Der Starkult ist eine Herausforderung an den Dokumentarfilm. Was Marlene Dietrich wirklich dachte, wissen wir vielleich seit Maximilian Schells Portrait, und daß Marilyn Monroe einst Norma Jean Baker war, konnten wir am 13. Juli abends im Zweiten erfahren.

Schell hatte die Dietrich interviewen, aber nicht photographieren dürfen; er ließ seinen Star aus dem Off und dazu historisches Bildmaterial sprechen. Genauso verfuhren Marcia Lerner und André Romus:

Da war ein Tonband aus dem Jahre 1960 aufgetaucht; ein französischer Journalist hatte die Monroe über ihre Kindheit und ihre Ambitionen befragt. Diesem Ton waren Ausschnitte aus ihren Filmen, Mitschnitte von öffentlichen Auftritten, Schnappschüsse und Photos so zuzuordnen, daß sie gelänge: die Rekonstruktion des unsicheren Mädchens, der ehrgeizigen Schauspielerin, der depressiven Diva hinter dem Star.

Lerner und Romus standen vor dem Problem, Bilder aufzutun, die ähnlich persönlich über Norma Jean sprächen wie die wispernde Stimme, die übers Band wie aus dem Jenseits kam. Solche Bilder gibt es deshalb kaum, weil jedes Photo der Monroe seiner Bekanntheit wegen immer mehr ist als das: ein Zitat seiner selbst. Dennoch, der Stimme, die da, ab und an unterbrochen von dem charakteristischen Monroeschen Kichern, über eine Kindheit im Waisenhaus, über Schauspielkunst und Einsamkeit vortrug, gab das Filmmaterial schöne Farbe.

Wer sieht sie nicht immer wieder gern, die bevorzugte Blondine und die Tänzerin mit dem überlangen Pullover, die’s in Liebe macht? Es fehlten auch die Sequenzen nicht, in denen M.M. zu Arthur Miller aufschaut und Clark Gable einen Mörder nennt. Die früheren Kalenderphotos kamen wieder: Marilyn nackt auf rotem Samt, im weißen Plissee überm U-Bahn-Schacht, aus dem der Wind weht. Neu war für mich das Schwarzweißdokument ihres letzten Auftritts, das „Happy Birthday“ für Präsident Kennedy. Eine gewaltige Menschenmenge umgibt den blonden Star. „Ich wäre gern ein bißchen kontaktfreudiger“, wispert die Stimme. Und: „Verrückt bin ich nicht, glaub ich.“ Es folgt das Kichern.

Jenes Interview, welches Marilyn Monroe einst dem französischen Journalisten gab, hat vier Stunden gewährt. Der Film von Lerner/Romus dauerte 45 Minuten, und höchstens 20 davon sprach die Monroe. Aus welchen Gründen auch immer: nur ein Bruchteil des authentischen Tonmaterials scheint „sendefähig“ gewesen zu sein. Um doch noch auf Dokumentarfilmlänge zu kommen, mußten die Autoren zu einem Trick greifen, das taten sie, und sie griffen daneben.