Was den goldmetallicfarbenen Ford Sierra LB-HE ? mit einem blaumetallicfarbenen Mitsubishi-Bus, UL-RD 404 verbindet, ist auf den ersten Blick nicht recht ersichtlich. Oder doch? Sicher hilft der Hinweis, daß wir uns wieder inmitten jener kostbarsten Wochen des Jahres befinden, die früher als Hochsaison bezeichnet wurden. Und richtig, da hören wir sie auch schon, die Meldung vom diesjährigen Rekordstau: 600 Kilometer von Frankfurt bis Kärnten. Auch der Daheimgebliebene entgeht den Begleiterscheinungen der Hypermobilität nicht: Kaum eine Nachrichtensendung, kaum eine Tageszeitung, die nicht seine Aufmerksamkeit mit dem ADAC-Reiseruf zu fesseln versucht.

Massentourismus? Nichts als ein kulturpessimistischer Mythos. Sonst fände sich ja nie einer zwischen Frankfurt und Kärnten oder auf irgendeinem Campingplatz im Raum Zadar (Jugoslawien). Herauszugreifen ist plötzlich ein ganz bestimmter. Manfred G. beispielsweise aus Denzlingen bei Freiburg, unterwegs in Süddeutschland im weißem Mercedes-Wohnmobil mit orangefarbenem Dach, FR-?, oder Ladislaus und Krimhilde K. aus Germering, die mit ihrem blauen Volvo 340, FFB-LK 41 irgendwo durch Bayern touren; oder Rolf H. aus Stockelsdorf bei Lübeck, der sich diesmal für einen Campingurlaub in Großbritannien entschieden hat und jetzt gerade seinen roten Passat OHCX 287 mit den drei Fahrrädern auf dem Dach vor einem Kiosk parken müßte, wo er die heutige Süddeutsche Zeitung erhält, um dann zu lesen ...

Autos sind eben nicht anonym. Dank Lackierung, Typenbezeichnung und Nummernschild sind sie selbst dort, wo sich eins ans andere reiht, so herrlich leicht zu identifizieren. Mögen auch Sonnenbrille, Krempelshorts und Kamera den Homo touristicus zum austauschbaren Wesen gemacht haben – an seinem Auto ist er zu erkennen.

Seit 27 Jahren ruft der Automobilclub, und die Erfolgsquote liegt zwischen 40 und 50 Prozent. Weil da mancher auf dumme Gedanken kommen könnte, hat sich die Rufzentrale gegen Schabernack abgesichert; gesucht werden nur Menschen, denen nachweisbar irgendein Unheil widerfahren ist: jemand ist gestorben oder schwer erkrankt, die Wohnung ist überschwemmt, das Haus abgebrannt, die Werkstatt hat vergessen, die Radmuttern anzuziehen ... Gerade gestern war’s, da rief ein verwirrter Familienvater an, der eigentlich in Kolonne mit Familie X. nach Österreich fahren wollte, nun aber die anderen verloren hatte. Ob sie per Reiseruf zu finden seien? Die zuständige ADAC-Mitarbeiterin bedauerte und riet ihm, doch einfach zum Zielort weiterzufahren, dort würden die anderen bestimmt auch auftauchen. „Ja, Frollein, wo denken Sie hin – die wissen doch gar nicht, wohin wir fahren dieses Jahr!“

Oft genug übrigens ist es gar nicht der Gesuchte selbst, der den Reiseruf aufschnappt, sondern einer, dem er aufgefallen ist, denn „die ganz normale Neugier“ ist, was das Aufspüren angeht, eine offenbar unerläßliche Hilfe. Woraus wir schließen, daß es Menschen gibt, die unterwegs genau darauf achten, ob der schwarze Golf SO-X 668 nun einer Familie oder einer Alleinreisenden gehört. Gerade die Vermutung, daß diese Menschen, Erholungsuchende wie du und ich, irgendein Unglück getroffen hat, stachelt an: Direkt neben mir hat der Schicksalsblitz eingeschlagen – aber mich hat er nicht getroffen.

So groß ist das Vertrauen in die Hilfsdienste des Automobilclubs, daß der Erfolg beinahe schon selbstverständlich wird. Ist ein Ruf um zehn Uhr über Bayern 3 ausgestrahlt worden, und um elf Uhr hat sich Elfriede W., mit Familie Arthur G. unterwegs an der oberen Adria mit braunem Citroen cx, noch immer nicht gemeldet, setzt es Schelte in München. Das ist wirklich ungerecht. Dem ADAC können wir für sein effizientes System, den freien Bürger auf freier Fahrt unter ganz besonderen Umständen mal an die Leine zu nehmen, doch nur dankbar sein.

Anna v. Münchhausen