Dziell den "Hitler Faschisten", sprich: uns Deutschen zugerechnet.

Aber schon im Juli vor 42 Jahren, im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß, kam die Wahrheit auf den Tisch. Eine dramatische Geschichte, die bislang noch nicht erzählt worden ist. Nur dem unermüdlichen Drängen eines beherzten deutschen Offiziers ist es zu verdanken, daß damals vor aller Welt die stalinistische Geheimpolizei dieses Verbrechens überführt wurde.

"Eigentlich war es eine Frechheit von mir", sagt Reinhart von Eichborn, Rechtsanwalt, Wirtschaftspolitiker und Lexikograph, "ein kleiner Oberleutnant drehte am Rad der Weltgeschichte. Aber ich fühlte mich meinen Regimentskameraden, meinen Freunden aus der Widerstandsbewegung und dem deutschen Volke verpflichtet, den Gerichtshof dabei zu unterstützen, die Wahrheit herauszufinden. Und gerade als Schlesier" — Eichborn stammt aus Breslau — "konnte es mir nicht gleichgültig sein, daß nach all den fürchterlichen Verbrechen, die wir Deutsche den Polen zugefügt haben, auch noch dieses einer Versöhnung der beiden Nachbarvölker im Wege stehen sollte "

Auf Betreiben der Sowjets war der Mord von Katyn in die Nürnberger Anklageschrift mitaüfgenommen worden: Unter Anklagepunkt III, Abschnitt C (Mord und Mißhandlungen an Kriegsgefangenen) heißt es: "Im September 1941 wurden 11 000 kriegsgefangene polnische Offiziere im Katyner Wald in der Nähe von Smolensk getötet " Im Urtext hauen die Sowjets nur eine Zahl von lediglich 925 Offizieren angegeben — so viele hatten sie selber 1944 exhumiert. Erst nach zwölf Tagen verlangte der sowjetische Hauptankläger, Generalleutnant Roman Rudenko, eine Berichtigung — jetzt wurde die Zahl der Opfer um 1000 Prozent heraufgesetzt. Im Februar 1946 erläuterte Rudenko, die Massenhinrichtungen seien "von einer deutschen Militärformation" vorgenommen worden, die den Tarnnamen "Stab 537, Pionierbataillon" führte "und unter dem Befehl des Oberleutnants Arnes und Rechts und des Leutnants Hott stand".

Eichborn, den der Krieg nach Bayern verschlagen hatte, las davon in der amerikanischen Neuen Nachrichtenregiment 537 gemeint sein konnte, das der Heeresgruppe Mitte unterstand. Ich selber war von Dezember 1940 bis Januar 1943 als Fernsprechsachbearbeiter im Stab der Heeresgruppe, der im Barackenlager Dubrojenski untergebracht war, etwa sieben Kilometer östlich von den Massengräbern. Der Stab des Nachrichtenregiments lag in einem Schlößchen am Dnjepr unmittelbar neben der Mordstätte (siehe Skizze Seite 10) Bei den genannten Offizieren, die alle mit ihrer Auslieferung an die Sowjetunion rechnen mußten, konnte es sich nur um den damaligen Oberst Ahrens, den Oberleutnant Rex und den Leutnant Hoth handeln.

Eichborn zögerte nicht. Er beriet sich mit mehreren Juristen in Nürnberg, hinterlegte eine eidesstattliche Erklärung bei einem Notar und korrespondierte mit allen ehemaligen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten des Regiments, die er in den drei Westzonen aufspüren konnte. Einen Brief richtete er auch an seinen Freund, den Widerstandskämpfer Fabian von Schlabrendorff, der im Stab der Heeresgruppe Mitte, einem Zentrum der Verschwörung gegen Hitler, Ordonnanzoffizier gewesen war; dieser wiederum unterrichtete den amerikanischen General William Donovan, den Chef des Geheimdienstes OSS, eines Vorläufers der CIA.

Doch Monate verstrichen, ohne daß einer der Verteidiger in Nürnberg dem Ersuchen von Oberst Ahrens, der sich freiwillig gestellt hatte, und dem Gerichtsassessor von Eichborn nachgekommen wäre, die eidesstattliche Erklärung im Prozeß zu verwenden. Katy wurde dem Hauptangeklagten Nr l, Hermann Göring, angelastet; seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Otto Stahmer, schien aber die Sache zu delikat. Erst vier Monate später, Mitte Juni 1946, bat er Eichborn, nach Nürnberg zu kommen. Vorher benachrichtigte dieser noch den amerikanischen Geheimdienst CIC in Starnberg "Mir wurde angeraten, möglichst nicht mit der Eisenbahn nach Nürnberg zu fahren Überhaupt sollte ich Starnberg zunächst nicht verlassen, denn die CIC könne mich als Zeuge nicht schützen; es wimmele in Bayern von russischen Agenten. Ja, die Amerikaner, warnten mich sogar, ich könnte eines Tages von einem falschen Jeep abgeholt werden "