Dziell den "Hitler Faschisten", sprich: uns Deutschen zugerechnet.

Aber schon im Juli vor 42 Jahren, im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß, kam die Wahrheit auf den Tisch. Eine dramatische Geschichte, die bislang noch nicht erzählt worden ist. Nur dem unermüdlichen Drängen eines beherzten deutschen Offiziers ist es zu verdanken, daß damals vor aller Welt die stalinistische Geheimpolizei dieses Verbrechens überführt wurde.

"Eigentlich war es eine Frechheit von mir", sagt Reinhart von Eichborn, Rechtsanwalt, Wirtschaftspolitiker und Lexikograph, "ein kleiner Oberleutnant drehte am Rad der Weltgeschichte. Aber ich fühlte mich meinen Regimentskameraden, meinen Freunden aus der Widerstandsbewegung und dem deutschen Volke verpflichtet, den Gerichtshof dabei zu unterstützen, die Wahrheit herauszufinden. Und gerade als Schlesier" — Eichborn stammt aus Breslau — "konnte es mir nicht gleichgültig sein, daß nach all den fürchterlichen Verbrechen, die wir Deutsche den Polen zugefügt haben, auch noch dieses einer Versöhnung der beiden Nachbarvölker im Wege stehen sollte "

Auf Betreiben der Sowjets war der Mord von Katyn in die Nürnberger Anklageschrift mitaüfgenommen worden: Unter Anklagepunkt III, Abschnitt C (Mord und Mißhandlungen an Kriegsgefangenen) heißt es: "Im September 1941 wurden 11 000 kriegsgefangene polnische Offiziere im Katyner Wald in der Nähe von Smolensk getötet " Im Urtext hauen die Sowjets nur eine Zahl von lediglich 925 Offizieren angegeben — so viele hatten sie selber 1944 exhumiert. Erst nach zwölf Tagen verlangte der sowjetische Hauptankläger, Generalleutnant Roman Rudenko, eine Berichtigung — jetzt wurde die Zahl der Opfer um 1000 Prozent heraufgesetzt. Im Februar 1946 erläuterte Rudenko, die Massenhinrichtungen seien "von einer deutschen Militärformation" vorgenommen worden, die den Tarnnamen "Stab 537, Pionierbataillon" führte "und unter dem Befehl des Oberleutnants Arnes und Rechts und des Leutnants Hott stand".

Eichborn, den der Krieg nach Bayern verschlagen hatte, las davon in der amerikanischen Neuen Nachrichtenregiment 537 gemeint sein konnte, das der Heeresgruppe Mitte unterstand. Ich selber war von Dezember 1940 bis Januar 1943 als Fernsprechsachbearbeiter im Stab der Heeresgruppe, der im Barackenlager Dubrojenski untergebracht war, etwa sieben Kilometer östlich von den Massengräbern. Der Stab des Nachrichtenregiments lag in einem Schlößchen am Dnjepr unmittelbar neben der Mordstätte (siehe Skizze Seite 10) Bei den genannten Offizieren, die alle mit ihrer Auslieferung an die Sowjetunion rechnen mußten, konnte es sich nur um den damaligen Oberst Ahrens, den Oberleutnant Rex und den Leutnant Hoth handeln.

Eichborn zögerte nicht. Er beriet sich mit mehreren Juristen in Nürnberg, hinterlegte eine eidesstattliche Erklärung bei einem Notar und korrespondierte mit allen ehemaligen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten des Regiments, die er in den drei Westzonen aufspüren konnte. Einen Brief richtete er auch an seinen Freund, den Widerstandskämpfer Fabian von Schlabrendorff, der im Stab der Heeresgruppe Mitte, einem Zentrum der Verschwörung gegen Hitler, Ordonnanzoffizier gewesen war; dieser wiederum unterrichtete den amerikanischen General William Donovan, den Chef des Geheimdienstes OSS, eines Vorläufers der CIA.

Doch Monate verstrichen, ohne daß einer der Verteidiger in Nürnberg dem Ersuchen von Oberst Ahrens, der sich freiwillig gestellt hatte, und dem Gerichtsassessor von Eichborn nachgekommen wäre, die eidesstattliche Erklärung im Prozeß zu verwenden. Katy wurde dem Hauptangeklagten Nr l, Hermann Göring, angelastet; seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Otto Stahmer, schien aber die Sache zu delikat. Erst vier Monate später, Mitte Juni 1946, bat er Eichborn, nach Nürnberg zu kommen. Vorher benachrichtigte dieser noch den amerikanischen Geheimdienst CIC in Starnberg "Mir wurde angeraten, möglichst nicht mit der Eisenbahn nach Nürnberg zu fahren Überhaupt sollte ich Starnberg zunächst nicht verlassen, denn die CIC könne mich als Zeuge nicht schützen; es wimmele in Bayern von russischen Agenten. Ja, die Amerikaner, warnten mich sogar, ich könnte eines Tages von einem falschen Jeep abgeholt werden "

Was Eichborn dann in Nürnberg erfuhr, stellte seihe Befürchtungen noch in den Schatten. Die Sowjets — und das wirft ein bezeichnendes Licht auf das gegenwärtige Verhalten der Moskauer Führung — wollten Katyn in der Versenkung verschwinden lassen. Generalleutnant Rudenko hatte Rechtsanwalt Stahmer vorgeschlagen, zur "Verkürzung des Prozesses" auf eine mündliche Verhandlung des Falles zu verzichten und lediglich Affidavits einzureichen. Eichborn: "Alle Anzeichen sprachen dafür, daß sich Stahmer von den Russen hatte einschüchtern lassen So beunruhigte ihn ein Gerücht, das sich damals in Windeseile in Deutschland verbreitete: Der Schweizer Sender wjetische Ankläger im Gerichtssaal auf Göring geschossen habe, als dieser Katyn erwähnte. Nach einer Version war Rudolf Heß, der neben Göring saß, durch die Kugel verletzt worden, nach einer anderen Rechtsanwalt Stahmer, der vor Göring saß. Eichborn vermutet, daß die Russen dieses Gerücht ausgestreut hatten.

Die Zeugen versuchten nun die anderen Verteidiger zu überzeugen, daß der Fall Katyn vor Gericht gebracht werden müsse, auch schon um ihrer eigenen Sicherheit willen. Ahrens wandte sich an amerikanische Dienststellen in Frankfurt; sie sollten versuchen, seine Familie, die damals in der Sowjetzone lebte, noch vor seiner Aussage nach Berlin in Sicherheit zu bringen. Das Gericht hatte sich inzwischen äußerst großzügig gezeigt und der Verteidigung zum Fall Katyn sechs Zeugen bewilligt — die Einwände des sowjetischen Richters, des Generalmajors Nikitschenko, wurden von den drei westlichen Kollegen überstimmt.

Mittlerweile hatte sich auch die polnische Exilregierung in London, die von Stalin nicht anerkannt wurde, eingeschaltet. Als Rechtsanwalt Stahmer eines Tages vom Anwaltszimmer zum Gerichtssaal ging, überholte ihn ein polnischer Offizier in amerikanischer Uniform und fragte im Vorbeigehen: "Sind Sie Dr. Stahmer?", händigte ihm ein "Polnisches Weißbuch 1946" aus und hastete mit den Worten davon: "Bitte sagen Sie nicht, daß Sie es von mir haben "

Das Buch war in englischer Sprache in London erschienen. Die Autoren und die Druckerei blieben anonym; es war lediglich "zum privaten Gebrauch" bestimmt. Eichborn, dem Stahmer es für ein paar Tage überließ, erinnert sich noch genau: "Es war etwa fünfzig Seiten stark und enthielt an die vierzig Dokumente, darunter wörtliche Wiedergaben jener Gespräche im Kreml, in denen der polnische Ministerpräsident General Sikorski, der Gesandte Kot und General Anders die sowjetischen Staatsmänner — Stalin, Molotow und Außenminister Wyschinskij — immer wieder nach den seit 1940 verschollenen Offizieren gefragt hatten "

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren aus den verfeindeten Polen und Russen über Nacht Verbündete geworden. Auf Drängen der Engländer ließ sich die polnische Exilregierung zu vertraglichen Abmachungen mit der Sowjetunion herbei. Es muß den Exilpolen sehr schwergefallen sein, denn seit ihr Vaterland 1939 von Hitler und Stalin aufgeteilt worden war, standen sich die Leiden der Zivilbevölkerung im deutsch- und im russischbesetzten Teil in nichts nach. Die Russen hatten sich nach ihrem Einmarsch in Ostpolen am 17. September 1939 ein Gebiet von 200000 Quadratkilometern mit 13 Millionen Menschen einverleibt, davon ein Drittel Polen, ein Drittel Ukrainer, der Rest Juden, Weißrussen und andere Völkerschaften. Das polnische Militär, schon von den Deutschen geschlagen, hatte sich gegen die Rote Armee kaum gewehrt. Das hinderte die Russen nicht, 250 000 Soldaten in Gefangenschaft abzuführen, von denen etwa 15 000, zumeist Offiziere, darunter 800 Ärzte, auf die Lager Kosielsk bei Smolensk, Starobielsk bei Charkow und Ostaschkow bei Kalmin verteilt wurden. Außerdem wurden in vier großen Deportationswellen (Februar, April und Juni 1940, Juni 1941) etwa 900 000 Menschen - so die neuesten Schätzungen des polnischen Harvard Professors Jan Gross — als Häftlinge oder Zwangsarbeiter in die Weiten der Sowjetunion verschleppt, teils nach Listen, teils willkürlich. Es traf zumeist Intellektuelle, Beamte, Bauern, Kaufleute, dazu jene Polen, die zu Tausenden vor den Deutschen gen Osten geflohen waren. Im Juli 1941 — die deutschen Panzer rollten scheinbar unaufhaltsam vor — erließ die Sowjetregierung eine Amnestie für alle inhaftierten Polen. General Wladyslaw Anders durfte aus ehemaligen Gefangenen und Freiwilligen auf sowjetischem Boden eine Armee aufstellen.

Täglich meldeten sich an den Sammelstellen der Anders Armee ausgehungerte Soldaten. Die Offiziere aber, die Anders so dringend brauchte, ließen auf sich warten. Ganze 448 (von 8400!) kehrten zurück. Die anderen blieben vermißt. Bis Frühjahr 1943 hat die polnische Exilregierung ihretwegen fünfzig Anfragen an sowjetische Stellen gerichtet. Die Sowjets fanden immer neue Ausflüchte: Mal hieß es, es gebe Unterlagen über jeden Gesuchten, dann waren keine Listen vorhanden (als ob die Geheimpolizei derlei je verschludert hätte), mal hieß es, alle Gefangenen seien schon freigelassen, dann, sie seien geflohen. Auf die Frage von General Anders, wohin, antwortete Stalin scheinheilig, vielleicht hätten sie sich in die (japanisch besetzte) Mandschurei begeben. Schließlich sollten sich die Polen selbst um Auskünfte bemühen.

Schon Mitte August 1942 überkam General Anders die Ahnung, alle Offiziere seien von den Russen umgebracht worden. Die traurige Gewißheit lieferte am Abend des 13. April 1943 der en in Massengräbern die Leichen polnischer Offiziere entdeckt worden. Bald legte sich die Goebbels Propaganda auf die Zahl 10 000 fest, obwohl die Deutschen nur 4400 gefunden hatten. Zwei Tage später konterten die Sowjets — ünklugerweise übernahmen sie die deutsche Propagandaziffer — und behaupteten, die polnischen Gefangenen seien im Sommer 1941 zu Bauarbeiten in Smolensk eingesetzt gewesen und dabei den anrückenden deutschen Truppen in die Hände gefallen — eine merkwürdige Begründung, die den Polen zuvor nie zu Ohren gekommen war.

Wochenlang fütterte die deutsche Propaganda das Volk und das Ausland mit grauenvollen Berichten von den Massakern in Katyn. Aber wie sollte das Ausland einem Goebbels noch glauben? Hatten doch die Deutschen in ganz Europa blutige Verbrechen verübt — just zur Zeit des Katyn Skandals wurde in Warschau das Ghetto von der SS ausgeräuchert. Die folgende Schilderung stammt jedoch nicht aus deutschen Quellen, sondern sie wurde im Mai 1943 insgeheim von dem britischen Botschafter bei der polnischen Exilregierung, Owen OMalley, für das Fpreign Office angefertigt:

"Setzte sich ein Mann zur Wehr, wurde ihm anscheinend sein Mantel vom Henker über den Kopf gestülpt und um den Hals zusammengebunden, so daß er mit verhülltem Gesicht an den Rand der Grube geführt wurde . Der Mantel war an der Stelle, wo er die Schädelbasis bedeckte, von einer Kugel durchlöchert. Jenen hingegen, die gefaßt in den. Tod gingen, muß sich der ungeheuerlichste Anblick geboten haben. In der breiten Grube lagen ihre Kameraden, rund um den Innenrand zusammengepreßt, Kopf bei Fuß, wie Sardinen in einer Büchse. Auf den Körpern trampelten die Henkersknechte herum, zerrten andere Leichen herunter und stapften im Blut wie Metzger auf einem Schlachthof. Als alles vorüber war, der letzte Schuß gefallen und das letzte polnische Haupt punktiert, da wandten sich die Schlächter der unschuldigsten Beschäftigung zu — vielleicht waren sie in ihrer Jugend in der Landwirtschaft ausgebildet worden —, jedenfalls glätteten sie die Erdklumpen und bepflanzten das Schlachthaus mit kleinen Koniferen "

Die Deutschen luden sofort eine internationale Kommission von Gerichtsmedizinern nach Katyn; außerdem durfte das Polnische Rote Kreuz Ärzte schicken. Alle, auch die Auslandskorrespondenten, konnten sich frei bewegen. Von den Ärzten wurde die Todeszeit der Ermordeten übereinstimmend mit Frühjahr 1940 angesetzt. Dieses Datum deckte sich mit weiteren Befunden: Die angepflanzten Koniferen hatten drei Jahresringe; die Eintragungen in den Tagebüchern der Offiziere hörten alle im April 1940 auf; seither hatten auch die Angehörigen keine Post mehr bekommen. Die Identifizierung der Opfer war nicht allzu schwierig: In den Taschen der Offiziere steckten Ausweise, Impfscheine, Tagebücher, Briefe und andere Dokumente; Mitglieder der polnischen Untergrundbewegung, die sich unter die RotkreuzGruppe gemischt hatten, überzeugten sich, daß die Deutschen nichts getürkt hatten.

Nur Wertsachen fand man nicht. Dazu steht im Tagebuch des ermordeten Majors Adam Solski: "9. April Abfahrt in Gefangenentransportwagen mit kleinen Zellen (schrecklich). Irgendwo in einen Wald gebracht, zu einer Art Landhaus für die Sommerfrische. Hier eine gründliche Durchsuchung. Ich wurde meine Uhr los, die 6 30 zeigte. Man fragte mich nach meinem Ehering. Rubel, Gürtel und Taschenmesser weggenommen " Die Toten in Katyn stammten alle aus dem Lager Kosielsk. Einige der zurückgebliebenen Offiziere erinnerten sich später, daß alle zwei bis drei Tage Güterzüge mit 100 bis 300 Gefangenen abfuhren. In den Gräbern lagen die Erschossenen genau in der Reihenfolge der Transporte. Ein Augenzeuge — Professor Swianiewicz — überlebte das Massaker, weil er am 30. April 1940 im letzten Moment auf der Rampe in Katyn von der Geheimpolizei zu weiteren Verhören abgeholt wurde. Er sah noch, wie seine Kameraden von Leuten der sowjetischen Geheimpolizei (NKWD) mit aufgepflanztem Bajonett vom Güterwagen direkt in einen Bus getrieben wurden, dessen Fenster man mit Zement verschmiert hatte. Dann verschwand der Bus im Wald. Nach einiger Zeit holte er die nächste Ladung ab, immer dreißig Mann. Die Namensliste der Toten von Katyn liest sich wie ein Gotha der polnischen Intelligenz: Unter den Reserveoffizieren — viele waren einfach aus ihren Wohnungen abgeholt worden — befanden sich Hunderte von Rechtsanwälten, Lehrern, Ärzten, Journalisten, 21 Professoren und ein Priester. Zwei Generäle ließen in Katyn ihr Leben; sie erhielten — so hierarchisch dachten die Mörder — ein Einzelgrab. Kurzum: in Katyn lag "die Elite der Nation" — so hat es General Bor, der 1944 den Warschauer Aufstand gegen die Deutschen leitete, gesagt.

General Sikorski und seinen Ministern — manche hatten Verwandte in den Offizierslagern — waren die Hände gebunden. Sie durften nicht in die Propagandafalle hineintapsen, die ihnen Joseph Goebbels gestellt hatte, mit dem Ziel, die Koalition zwischen den Sowjets und den Westmächten zu spalten. Als die Nachricht aus Berlin London erreichte, saß der polnische Exil Ministerpräsident gerade mit Premierminister Churchill beim Lunch. Churchill betrachtete die Affäre pragmatisch: "Wenn sie tot sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder lebendig machen "

Das mindeste, was Sikorski tun konnte, war einen Appell an das Internationale Rote Kreuz zu richten, dummerweise am selben Tage, an dem sich auch die Nazi Regierung an Genf mit der Bitte wandte, eine Untersuchungskommission nach Katyn zu entsenden. Aber das Rote Kreuz hielt sich heraus. Stalin genügte der Vorfall als willkommener Anlaß, die Beziehungen zur "boürgeoisen" Exilregierung abzubrechen (Prawda Zeile: "Hitlers polnische Kollaborateure"), zumal sie zum Ärger der Sowjets unentwegt die ostpolnischen Gebiete zurückverlangte "Gott hat ihnen keinen Verstand gegeben"spottete Stalin.

Nach dem Rückzug der Deutschen im Sommer 1944 eilte eine sowjetische Kommission an den Tatort, ließ 925 Leichen ausgraben, setzte die Todeszeit auf September 1941 fest und machte die Deutschen für das Verbrechen verantwortlich. Polen durfte nicht zugegen sein Dieses Untersuchungsergebnis tischte General Rudenko 1946 dem Nürnberger Kriegsgericht auf. Damals hielten es selbst viele Deutsche für möglich, daß die Nazis auch dieses Verbrechen begangen hatten: Ihnen konnte man, nach soviel Lug und Trug, soviel Brutalität rundweg alles zutrauen.

Den sowjetischen Anklägern hielt man ein paar gewichtige Argumente zugute:

Die polnischen Offiziere wurden mit deutschen Kugeln erschossen, ein Umstand, den Goebbels wohlweislich verschwieg. Es handelte sich um Munition vom Kaliber 7 65 D oder 6 36, hergestellt in den Gustav Genschow Werken & Co. in Durlach. Sie soll schon 1922 von der Weimarer Republik an die Sowjetunion geliefert worden sein; laut anderen Quellen wurde sie während des Hitler Stalin Paktes von den Russen importiert. Nicht nur der NKWD tötete seine Opfer mit Genickschuß; dieselbe Hinrichtungsart wurde im Kriege ungezählte Male auch von Deutschen — SD, SS, Polizei — angewandt.

Nicht nur die Bolschewiken hatten in Ostpolen als Besatzungsmacht die Oberklasse liquidiert; auch die Nationalsozialisten haben von Anfang an systematisch die Oberschicht im besetzten Polen ausgerottet.

Als der ehemalige Oberleutnant von Eichborn in Nürnberg die Ehre des deutschen Heeres retten wollte, ergab sich ein zusätzliches Handikap: Gerade im rückwärtigen Bereich der Heeresgruppe Mitte hatten die Einsatzgruppen des SD Massaker verübt, eines in der Nähe von Borissow, wo im Sommer 1941 der Stab der Heeresgruppe zunächst kampiert hatte. Dort wurden 5000 Juden vom SD mit Hilfe lettischer SS Truppen ermordet — diese Bluttat war für einige Offiziere der Heeresgruppe das Motiv, sich der Widerstandsgruppe um Oberst Henning von Tresckow, einem Freund Stauffenbergs, anzuschließen. Rechtsanwalt Stahmer scheute die Gefahr, daß Rudenko im Kreuzverhör Borissow mit Katyn vergleichen und auch jene Tat der Wehrmacht anlasten würde. Folglich stemmten sich nun auch die Verteidiger des Oberkommandos der Wehrmacht und des Generalstabes gegen eine öffentliche Verhandlung.

Ende Juni 1946 — an einem Wochenende — sprach alles dafür, daß sich die Verteidiger mit den Russen auf einen Handel einließen. Am Sonnabend mußte Stahmer dem Gericht anzeigen, was er wollte "In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen", erzählt Eichborn, "also stand ich um Mitternacht auf, setzte mich mit meiner Reiseschreibmaschine auf den Bettrand, spannte ein Blatt Papier mit sechs Durchschlägen ein" — er besitzt noch das rosafarbene dünne Original — "und schrieb einen offenen Brief an Dr. Stahmer, mit Verteiler an sechs andere Verteidiger "

Für sich selber und für den abwesenden Oberst Ahrens erklärte er darin, daß für die Zeugen der Fall Katyn die Ehre der Wehrmacht berühre, das Verhältnis zu Polen belaste und Deutschlands Ansehen in der Welt noch mehr schädige. Bei dieser historischen Bedeutung hätten die Verteidiger keinen Anlaß, auf Vermittlungsangebote der Russen einzugehen. Die Zeugen fürchteten sich nicht vor dem Kreuzverhör; halte Stahmer die Sache für zu gefährlich, solle er sein Mandat einem anderen überlassen. Eichborn verlangte eine klare Antwort und drohte damit, den Sachverhalt der Weltöffentlichkeit kundzutun.

Als er den Brief durchlas, kamen ihm doch gewisse Bedenken. Nachts um eins stieg er im Zeugenhaus die Treppe hinab und weckte seinen alten Strafrechtslehrer Professor Schwinge, der als Prozeßbeobachter in Nürnberg fungierte. Er schilderte seine Sorgen, daß der Massenmord von Katyn aus Gründen der Feigheit nicht öffentlich verhandelt würde. Der Professor möge ihm doch sagen, ob der Brief schon den Tatbestand der Erpressung erfülle "Professor Schwinge kramte seine Brille hervor, ließ sich das Ganze- nochmals vorlesen und sagte dann: Erpressung nicht, aber ziemlich am Rande — Dann ist er genauso, wie ich ihn haben möchte, antwortete ich und dankte für das nächtliche Gutachten "

Aber wie am nächsten Morgen rechtzeitig den Brief übergeben? Unbefugte kamen ohne Vorladung nicht in das streng bewachte Gerichtsgebäude. Da konnte nur noch ein Mann im Zeugenhaus helfen: Hitlers Leibphotograph Heinrich Hoffmann. Er hatte mit seinen Hochglanzphotos aus dem Dritten Reich einen regen Tauschhandel aufgezogen und verfügte schlechthin über alles: Zigaretten, Kaffee, Alkohol — und Beziehungen. Eichborn hatte ihn 1937 in London bei den Krönungsfeierlichkeiten kennengelernt. Und wirklich besorgte Hoffmann binnen einer Stunde einen Jeep, der Eichborn ungeschoren durch die Postenkette in den Justizpalast brachte.

"Im Verteidigerraum sagte mir Stahmers Assistent, Assessor Bross, leider sei die Sache gelaufen. Stahmer hatte seinen Verzicht auf die mündliche Verhandlung schon schriftlich fixiert und wollte soeben in den Gerichtssaal gehen. Schnellstens verteilte ich meinen Brief und erwähnte, daß ich mittags mit dem Korrespondenten der Londoner nicht einmal, ob es einen gab "

Im Handumdrehen wurde eine Besprechung der Verteidiger anberaumt. Sie ließen einfach die Richter und Angeklagten warten. Schließlich konnte Stahmer dem Gericht den Beschluß der Verteidiger mitteilen, man wünsche eine öffentliche Verhandlung über Katyn.

Am Montag, dem 1. Juli 1946, wurden Oberst Ahrens und Eichborn in den Zeugenraum geführt, wo bereits Generalleutnant Eugen Oberhäuser saß, der ehemalige Nachrichtenführer der Heeresgruppe Mitte. Da die beiden mit ihm nicht direkt reden durften, unterhielten sie sich so laut, daß der General die Prozeßtaktik der Verteidigung begriff. Die Verteidigung in Nürnberg hatte einen schweren Stand: Sie mußte es unterlassen, irgendetwas Negatives über eine der zu Gericht sitzenden Siegermächte zu äußern, sonst drohte Wortentzug oder Schlimmeres.

Als erster schilderte Oberst Ahrens, wie er 1943 auf die Massengräber in der unmittelbaren Umgebung aufmerksam wurde. Im Winter hatte der passionierte Jäger einen Wolf gesehen, war den Spuren nachgegangen und hatte an einem Grabhügel, der mit einem Birkenkreuz geschmückt war, Scharrstellen entdeckt. Menschenknochen lugten hervor. Er benachrichtigte die Kriegsgräberfürsorge; die Heeresgruppe befahl daraufhin die Ausgrabungen — so fand man die acht Reihengräber. Ahrens erkundigte sich danach bei einem ihm befreundeten Imkerpaar in der Nähe: Es berichtete ihm, im Frühjahr 1940 seien auf dem Bahnhof Gnesdowo über 200 uniformierte Polen in Waggons angekommen und mit Lastkraftwagen in den Wald geschafft worden. Sie hörten Schießereien und Schreie. Die ruhige Darstellung des Obersten hinterließ Wirkung beim Gericht.

Eichborns Rolle war es, die Art der Befehlsgebung und die Tätigkeit des Nachrichtenregiments zu beschreiben- Er konnte nachweisen, daß es einen Befehl aus Berlin, polnische Gefangene zu erschießen, nie gegeben hatte, denn alle Befehle liefen über seine Dienststelle. Auch kannte er viele Kameraden aus dem Nachrichtenregiment so gut, daß sie ihm auf jeden Fall von Erschießungen berichtet hätten. Gerade in den verschwörerischen Stäben der Heeresgruppe Mitte wäre eine andere Haltung gar nicht denkbar gewesen. Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber, hatte sich klar von den Massakern des SD und vom berüchtigten Kommissarbefehl distanziert. Wichtig für das Gericht war die vorsichtig formulierte Antwort Eichborns auf die Frage nach dem Vorbesitzer der Datschä, in der sich der Regimentsstab einquartiert hatte: Das Dnjepr Schlößchen sei erstaunlich gut eingerichtet gewesen, es "enthielt zwei Badezimmer, einen Schießstand und ein Kino. Wir haben daraus gewisse Rückschlüsse gezogen, nachdem die Ereignisse bekanntgeworden waren, aber über den Vorbesitzer weiß ich nichts "

Mehr mußte er über die Vorbesitzer nicht andeuten — den Rest besorgte der erste sowjetische Zeuge, der ehemalige Vizebürgermeister von Smolensk, Professor Basilewkij. Nachdem er zunächst das Wäldchen bei Katyn als Erholungspark dargestellt hatte, gab er beim Kreuzverhör in aller Naivität zu, auch die sowjetische Geheimpolizei habe dort ein Haus okkupiert, das niemand betreten durfte.

Noch jämmerlicher versagte der zweite sowjetische Kronzeuge, der bulgarische Gerichtsmediziner Dr. Marko Markoff. Ei- hatte 1943 der internationalen Ärztekommission in Katyn angehört und war deswegen nach dem Krieg als "Volksfeind" vor Gericht gestellt und dort offensichtlich umgedreht worden. Jedenfalls behauptete er, ihm sei klar gewesen, daß die Leichen höchstens 18 Monate vorher — im Hochsommer und nicht im Winter — begraben worden seien. Die Deutschen hätten die Ärzte zur Unterschrift unter ein Protokoll in ihrem Sinne genötigt. Aber mitgewirkt hatten auch Ärzte aus neutralen Ländern, wie Dr. Neville aus der Schweiz, deren Urteil über jeden Zweifel erhaben war. Sie hatten miterlebt, daß auch Markoff freiwillig zu dem Schluß kam, die Russen seien die Täter gewesen.

Im Kreuzverhör verplapperte sich Markoff dann: Er gab zu, daß die Gefangenen, die doch angeblich im AugustSeptember, bei Hitze bis zu 60 Grad ermordet worden sein sollten, mit Wintermantel und Schal bekleidet waren.

Damit noch nicht genug, am Ende des zweiten Verhandlungstages präsentierte Flottenrichter Kranzbühler, der Verteidiger des Großadmirals Dönitz — er wurde von den Richtern wegen seiner korrekten und doch zupackenden Art geschätzt — das polnische Weißbuch. Obwohl Eichborn es bereits so vorbereitet hatte, daß die Richter sofort das Wesentliche erkennnen konnten, hatte Stahmer sich nicht getraut, es zu überreichen. Während des ersten Verhandlungstages wurde auch Kranzbühler auf der Straße von einem polnischen Offizier angesprochen, der ihm ein weiteres Exemplar des "Berichts über die Massaker an polnischen Offizieren im Katyner Wald" aushändigte. Das Gericht nahm es weder als Beweisstück an noch zur Kenntnis — immerhin machte sich der amerikanische Richter Biddle bei der Durchsicht Notizen. Der sowjetische Chefankläger Rudenkq geriet in große Erregung und sprach von einem "faschistischen Propagandablatt". Es nützte ihm nichts — das Gericht entschied mit Mehrheit, im Urteil über NaziDeutschland Katyn nicht mehr zu erwähnen. Ein paar Jahre später — der Kalte Krieg war in vollem Gange — nahm sich der US Kongreß des Falles an. Vor einem Untersuchungsausschuß mußten 1952 auch die drei deutschen Offiziere noch einmal aussagen. Insgesamt wurden 81 Zeugen gehört, 183 Beweisstücke und über 100 schriftliche Aussagen ausgewertet. Das Ergebnis: Der NKWD ist für das Blutbad verantwortlich. Der Ausschuß empfahl ein Verfahren gegen die Sowjetunion vor dem Internationalen Gerichtshof. Geschehen ist nichts. Großbritannien äußerte sich in all den Jahren überhaupt nicht zu dem Vorfall; manchen ihrer Diplomaten und Politiker war es peinlich, daß sie im Kriege und danach aus Gründen der Opportunität über dieses ungeheuerliche Verbrechen geschwiegen hatten.

Die kommunistisch geführte Regierung Polens mußte sich der sowjetischen Lesart anschließen. Nicht nachprüfbar ist ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, sie habe gleich nach dem Krieg eine unabhängige Untersuchung insgeheim in Auftrag gegeben. Ein Dr. Roman Martini sei zu dem Schluß gekommen, daß der NKWD die Gefangenen ermordet habe. Kurz darauf, im März 1946, soll Martini in Krakau von zwei Jungkommunisten ermordet worden sein.

Was die Polen, im Lande wie im Exil, weiter beunruhigte, war das Schicksal der übrigen zehntausend Vermißten aus den beiden anderen Offizierslagern. 1957 hat ein badisches Boulevardblatt ein angeblich echtes Geheimdokument des NKWD veröffentlicht, demzufolge die 4400 Gefangenen in Katyn von einem Kommando aus Minsk liquidiert wurden. Die Männer aus Ostaschkow hingegen seien von Geheimpolizisten aus Smolensk nahe der Stadt Bologoe, die Gefangenen aus dem ukrainischen Lager Starobelsk bei dem Dorf Dyergatche von einem Kommando aus Charkow erschossen worden.

Ob Fälschung oder nicht — wie es wirklich war, könnte nur die gemeinsame sowjetisch polnische Historikerkömmission herausbekommen, die zwar schon seit einem Jahr am Werk, aber offensichtlich noch lange nicht mit ihrer Arbeit fertig ist. Ihrem Ergebnis will Gorbatschow — sagt er — nicht vorgreifen.

Aber schon 1962 — nach der Abrechnung mit Stalin auf dem berühmten XX. Parteitag — wollte Nikita Chruschtschow das Geheimnis von Katyn aufdecken. Doch damals war es ausgerechnet der polnische Farteichef Gomulka, der seinen sowjetischen Kollegen davon abhielt. Er befürchtete, die Deutschen würden Katyn ausschlachten, um von ihren eigenen Verbrechen in Polen abzulenken. Es war eine falsche Entscheidung. Denn von Jahr zu Jahr mehrte sich der Unmut der polnischen Bevölkerung, weil die polnisch sowjetische Vergangenheit nie ehrlich aufgearbeitet wurde.

Bereits in den siebziger Jahren erschien im Safolgte eine heimlich gedruckte Dokumentation — als Verfasser wurden Jan Abramski und Ryszard Zywiecki genannt — der erste und der letzte Name auf der Totenliste von Katyn. Besonders die Bürgerrechtsgruppen und die verbotene Gewerkschaft Solidarnosc lassen bei diesem Thema nicht locker. Der Dissident und Historiker Adam Michnik (siehe ZEIT Dossier 1988Nr. 16) beanstandete, daß jetzt wieder nur "die fügsamsten Historiker" beider Länder ein Monopol haben, das Verbrechen von Katyn zu interpretieren. Das zu akzeptieren, hieße; weitere Fälschungen gutheißen. Doch einiges ist in Bewegung geraten. Vor einem Monat durfte zum erstenmal seit dem Krieg die Witwe eines in Katyn ermordeten Offiziers mit ihrer Tochter die Gedenkstätte bei Smolensk besuchen. Sie hatte zuvor ein Bittgesuch an Parteiund Regierungschef Jaruzelski gerichtet, dessen eigener Vater ein Opfer der Deportationen geworden. Primas Glemp hatte jüngst in Moskau beklagt, daß für die 4000 Katholiken in den Massengräbern noch nicht einmal ein Kreuz aufgestellt wurde. Am Sonntag durften polnische Militärpfarrer in Katyn eine Messe zelebrieren; eine Ehrengarde der Sowjetarmee war angeteten. Längst haben sich sowjetische Historiker unter der Hand von der offiziellen Version abgekehrt und der Lüge den Kampf angesagt. So wie es Reinhart von Eichborn 1946 aus der Sicht des mitbetroffenen deutschen Nachbarvolkes in einer für ihn nicht ungefährlichen Situation gefordert hat. Es ärgert ihn heute, daß der Reformpolitiker Gorbatschow nicht den Mut zur Wahrheit aufgebracht hat. Adam Michnik in seinem ZEIT Aufsatz: "Ist nicht die Zeit gekommen, zu sagen: Für unsere und für eure Wahrheit?"