Was Eichborn dann in Nürnberg erfuhr, stellte seihe Befürchtungen noch in den Schatten. Die Sowjets — und das wirft ein bezeichnendes Licht auf das gegenwärtige Verhalten der Moskauer Führung — wollten Katyn in der Versenkung verschwinden lassen. Generalleutnant Rudenko hatte Rechtsanwalt Stahmer vorgeschlagen, zur "Verkürzung des Prozesses" auf eine mündliche Verhandlung des Falles zu verzichten und lediglich Affidavits einzureichen. Eichborn: "Alle Anzeichen sprachen dafür, daß sich Stahmer von den Russen hatte einschüchtern lassen So beunruhigte ihn ein Gerücht, das sich damals in Windeseile in Deutschland verbreitete: Der Schweizer Sender wjetische Ankläger im Gerichtssaal auf Göring geschossen habe, als dieser Katyn erwähnte. Nach einer Version war Rudolf Heß, der neben Göring saß, durch die Kugel verletzt worden, nach einer anderen Rechtsanwalt Stahmer, der vor Göring saß. Eichborn vermutet, daß die Russen dieses Gerücht ausgestreut hatten.

Die Zeugen versuchten nun die anderen Verteidiger zu überzeugen, daß der Fall Katyn vor Gericht gebracht werden müsse, auch schon um ihrer eigenen Sicherheit willen. Ahrens wandte sich an amerikanische Dienststellen in Frankfurt; sie sollten versuchen, seine Familie, die damals in der Sowjetzone lebte, noch vor seiner Aussage nach Berlin in Sicherheit zu bringen. Das Gericht hatte sich inzwischen äußerst großzügig gezeigt und der Verteidigung zum Fall Katyn sechs Zeugen bewilligt — die Einwände des sowjetischen Richters, des Generalmajors Nikitschenko, wurden von den drei westlichen Kollegen überstimmt.

Mittlerweile hatte sich auch die polnische Exilregierung in London, die von Stalin nicht anerkannt wurde, eingeschaltet. Als Rechtsanwalt Stahmer eines Tages vom Anwaltszimmer zum Gerichtssaal ging, überholte ihn ein polnischer Offizier in amerikanischer Uniform und fragte im Vorbeigehen: "Sind Sie Dr. Stahmer?", händigte ihm ein "Polnisches Weißbuch 1946" aus und hastete mit den Worten davon: "Bitte sagen Sie nicht, daß Sie es von mir haben "

Das Buch war in englischer Sprache in London erschienen. Die Autoren und die Druckerei blieben anonym; es war lediglich "zum privaten Gebrauch" bestimmt. Eichborn, dem Stahmer es für ein paar Tage überließ, erinnert sich noch genau: "Es war etwa fünfzig Seiten stark und enthielt an die vierzig Dokumente, darunter wörtliche Wiedergaben jener Gespräche im Kreml, in denen der polnische Ministerpräsident General Sikorski, der Gesandte Kot und General Anders die sowjetischen Staatsmänner — Stalin, Molotow und Außenminister Wyschinskij — immer wieder nach den seit 1940 verschollenen Offizieren gefragt hatten "

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren aus den verfeindeten Polen und Russen über Nacht Verbündete geworden. Auf Drängen der Engländer ließ sich die polnische Exilregierung zu vertraglichen Abmachungen mit der Sowjetunion herbei. Es muß den Exilpolen sehr schwergefallen sein, denn seit ihr Vaterland 1939 von Hitler und Stalin aufgeteilt worden war, standen sich die Leiden der Zivilbevölkerung im deutsch- und im russischbesetzten Teil in nichts nach. Die Russen hatten sich nach ihrem Einmarsch in Ostpolen am 17. September 1939 ein Gebiet von 200000 Quadratkilometern mit 13 Millionen Menschen einverleibt, davon ein Drittel Polen, ein Drittel Ukrainer, der Rest Juden, Weißrussen und andere Völkerschaften. Das polnische Militär, schon von den Deutschen geschlagen, hatte sich gegen die Rote Armee kaum gewehrt. Das hinderte die Russen nicht, 250 000 Soldaten in Gefangenschaft abzuführen, von denen etwa 15 000, zumeist Offiziere, darunter 800 Ärzte, auf die Lager Kosielsk bei Smolensk, Starobielsk bei Charkow und Ostaschkow bei Kalmin verteilt wurden. Außerdem wurden in vier großen Deportationswellen (Februar, April und Juni 1940, Juni 1941) etwa 900 000 Menschen - so die neuesten Schätzungen des polnischen Harvard Professors Jan Gross — als Häftlinge oder Zwangsarbeiter in die Weiten der Sowjetunion verschleppt, teils nach Listen, teils willkürlich. Es traf zumeist Intellektuelle, Beamte, Bauern, Kaufleute, dazu jene Polen, die zu Tausenden vor den Deutschen gen Osten geflohen waren. Im Juli 1941 — die deutschen Panzer rollten scheinbar unaufhaltsam vor — erließ die Sowjetregierung eine Amnestie für alle inhaftierten Polen. General Wladyslaw Anders durfte aus ehemaligen Gefangenen und Freiwilligen auf sowjetischem Boden eine Armee aufstellen.

Täglich meldeten sich an den Sammelstellen der Anders Armee ausgehungerte Soldaten. Die Offiziere aber, die Anders so dringend brauchte, ließen auf sich warten. Ganze 448 (von 8400!) kehrten zurück. Die anderen blieben vermißt. Bis Frühjahr 1943 hat die polnische Exilregierung ihretwegen fünfzig Anfragen an sowjetische Stellen gerichtet. Die Sowjets fanden immer neue Ausflüchte: Mal hieß es, es gebe Unterlagen über jeden Gesuchten, dann waren keine Listen vorhanden (als ob die Geheimpolizei derlei je verschludert hätte), mal hieß es, alle Gefangenen seien schon freigelassen, dann, sie seien geflohen. Auf die Frage von General Anders, wohin, antwortete Stalin scheinheilig, vielleicht hätten sie sich in die (japanisch besetzte) Mandschurei begeben. Schließlich sollten sich die Polen selbst um Auskünfte bemühen.

Schon Mitte August 1942 überkam General Anders die Ahnung, alle Offiziere seien von den Russen umgebracht worden. Die traurige Gewißheit lieferte am Abend des 13. April 1943 der en in Massengräbern die Leichen polnischer Offiziere entdeckt worden. Bald legte sich die Goebbels Propaganda auf die Zahl 10 000 fest, obwohl die Deutschen nur 4400 gefunden hatten. Zwei Tage später konterten die Sowjets — ünklugerweise übernahmen sie die deutsche Propagandaziffer — und behaupteten, die polnischen Gefangenen seien im Sommer 1941 zu Bauarbeiten in Smolensk eingesetzt gewesen und dabei den anrückenden deutschen Truppen in die Hände gefallen — eine merkwürdige Begründung, die den Polen zuvor nie zu Ohren gekommen war.