Wochenlang fütterte die deutsche Propaganda das Volk und das Ausland mit grauenvollen Berichten von den Massakern in Katyn. Aber wie sollte das Ausland einem Goebbels noch glauben? Hatten doch die Deutschen in ganz Europa blutige Verbrechen verübt — just zur Zeit des Katyn Skandals wurde in Warschau das Ghetto von der SS ausgeräuchert. Die folgende Schilderung stammt jedoch nicht aus deutschen Quellen, sondern sie wurde im Mai 1943 insgeheim von dem britischen Botschafter bei der polnischen Exilregierung, Owen OMalley, für das Fpreign Office angefertigt:

"Setzte sich ein Mann zur Wehr, wurde ihm anscheinend sein Mantel vom Henker über den Kopf gestülpt und um den Hals zusammengebunden, so daß er mit verhülltem Gesicht an den Rand der Grube geführt wurde . Der Mantel war an der Stelle, wo er die Schädelbasis bedeckte, von einer Kugel durchlöchert. Jenen hingegen, die gefaßt in den. Tod gingen, muß sich der ungeheuerlichste Anblick geboten haben. In der breiten Grube lagen ihre Kameraden, rund um den Innenrand zusammengepreßt, Kopf bei Fuß, wie Sardinen in einer Büchse. Auf den Körpern trampelten die Henkersknechte herum, zerrten andere Leichen herunter und stapften im Blut wie Metzger auf einem Schlachthof. Als alles vorüber war, der letzte Schuß gefallen und das letzte polnische Haupt punktiert, da wandten sich die Schlächter der unschuldigsten Beschäftigung zu — vielleicht waren sie in ihrer Jugend in der Landwirtschaft ausgebildet worden —, jedenfalls glätteten sie die Erdklumpen und bepflanzten das Schlachthaus mit kleinen Koniferen "

Die Deutschen luden sofort eine internationale Kommission von Gerichtsmedizinern nach Katyn; außerdem durfte das Polnische Rote Kreuz Ärzte schicken. Alle, auch die Auslandskorrespondenten, konnten sich frei bewegen. Von den Ärzten wurde die Todeszeit der Ermordeten übereinstimmend mit Frühjahr 1940 angesetzt. Dieses Datum deckte sich mit weiteren Befunden: Die angepflanzten Koniferen hatten drei Jahresringe; die Eintragungen in den Tagebüchern der Offiziere hörten alle im April 1940 auf; seither hatten auch die Angehörigen keine Post mehr bekommen. Die Identifizierung der Opfer war nicht allzu schwierig: In den Taschen der Offiziere steckten Ausweise, Impfscheine, Tagebücher, Briefe und andere Dokumente; Mitglieder der polnischen Untergrundbewegung, die sich unter die RotkreuzGruppe gemischt hatten, überzeugten sich, daß die Deutschen nichts getürkt hatten.

Nur Wertsachen fand man nicht. Dazu steht im Tagebuch des ermordeten Majors Adam Solski: "9. April Abfahrt in Gefangenentransportwagen mit kleinen Zellen (schrecklich). Irgendwo in einen Wald gebracht, zu einer Art Landhaus für die Sommerfrische. Hier eine gründliche Durchsuchung. Ich wurde meine Uhr los, die 6 30 zeigte. Man fragte mich nach meinem Ehering. Rubel, Gürtel und Taschenmesser weggenommen " Die Toten in Katyn stammten alle aus dem Lager Kosielsk. Einige der zurückgebliebenen Offiziere erinnerten sich später, daß alle zwei bis drei Tage Güterzüge mit 100 bis 300 Gefangenen abfuhren. In den Gräbern lagen die Erschossenen genau in der Reihenfolge der Transporte. Ein Augenzeuge — Professor Swianiewicz — überlebte das Massaker, weil er am 30. April 1940 im letzten Moment auf der Rampe in Katyn von der Geheimpolizei zu weiteren Verhören abgeholt wurde. Er sah noch, wie seine Kameraden von Leuten der sowjetischen Geheimpolizei (NKWD) mit aufgepflanztem Bajonett vom Güterwagen direkt in einen Bus getrieben wurden, dessen Fenster man mit Zement verschmiert hatte. Dann verschwand der Bus im Wald. Nach einiger Zeit holte er die nächste Ladung ab, immer dreißig Mann. Die Namensliste der Toten von Katyn liest sich wie ein Gotha der polnischen Intelligenz: Unter den Reserveoffizieren — viele waren einfach aus ihren Wohnungen abgeholt worden — befanden sich Hunderte von Rechtsanwälten, Lehrern, Ärzten, Journalisten, 21 Professoren und ein Priester. Zwei Generäle ließen in Katyn ihr Leben; sie erhielten — so hierarchisch dachten die Mörder — ein Einzelgrab. Kurzum: in Katyn lag "die Elite der Nation" — so hat es General Bor, der 1944 den Warschauer Aufstand gegen die Deutschen leitete, gesagt.

General Sikorski und seinen Ministern — manche hatten Verwandte in den Offizierslagern — waren die Hände gebunden. Sie durften nicht in die Propagandafalle hineintapsen, die ihnen Joseph Goebbels gestellt hatte, mit dem Ziel, die Koalition zwischen den Sowjets und den Westmächten zu spalten. Als die Nachricht aus Berlin London erreichte, saß der polnische Exil Ministerpräsident gerade mit Premierminister Churchill beim Lunch. Churchill betrachtete die Affäre pragmatisch: "Wenn sie tot sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder lebendig machen "

Das mindeste, was Sikorski tun konnte, war einen Appell an das Internationale Rote Kreuz zu richten, dummerweise am selben Tage, an dem sich auch die Nazi Regierung an Genf mit der Bitte wandte, eine Untersuchungskommission nach Katyn zu entsenden. Aber das Rote Kreuz hielt sich heraus. Stalin genügte der Vorfall als willkommener Anlaß, die Beziehungen zur "boürgeoisen" Exilregierung abzubrechen (Prawda Zeile: "Hitlers polnische Kollaborateure"), zumal sie zum Ärger der Sowjets unentwegt die ostpolnischen Gebiete zurückverlangte "Gott hat ihnen keinen Verstand gegeben"spottete Stalin.

Nach dem Rückzug der Deutschen im Sommer 1944 eilte eine sowjetische Kommission an den Tatort, ließ 925 Leichen ausgraben, setzte die Todeszeit auf September 1941 fest und machte die Deutschen für das Verbrechen verantwortlich. Polen durfte nicht zugegen sein Dieses Untersuchungsergebnis tischte General Rudenko 1946 dem Nürnberger Kriegsgericht auf. Damals hielten es selbst viele Deutsche für möglich, daß die Nazis auch dieses Verbrechen begangen hatten: Ihnen konnte man, nach soviel Lug und Trug, soviel Brutalität rundweg alles zutrauen.