Noch jämmerlicher versagte der zweite sowjetische Kronzeuge, der bulgarische Gerichtsmediziner Dr. Marko Markoff. Ei- hatte 1943 der internationalen Ärztekommission in Katyn angehört und war deswegen nach dem Krieg als "Volksfeind" vor Gericht gestellt und dort offensichtlich umgedreht worden. Jedenfalls behauptete er, ihm sei klar gewesen, daß die Leichen höchstens 18 Monate vorher — im Hochsommer und nicht im Winter — begraben worden seien. Die Deutschen hätten die Ärzte zur Unterschrift unter ein Protokoll in ihrem Sinne genötigt. Aber mitgewirkt hatten auch Ärzte aus neutralen Ländern, wie Dr. Neville aus der Schweiz, deren Urteil über jeden Zweifel erhaben war. Sie hatten miterlebt, daß auch Markoff freiwillig zu dem Schluß kam, die Russen seien die Täter gewesen.

Im Kreuzverhör verplapperte sich Markoff dann: Er gab zu, daß die Gefangenen, die doch angeblich im AugustSeptember, bei Hitze bis zu 60 Grad ermordet worden sein sollten, mit Wintermantel und Schal bekleidet waren.

Damit noch nicht genug, am Ende des zweiten Verhandlungstages präsentierte Flottenrichter Kranzbühler, der Verteidiger des Großadmirals Dönitz — er wurde von den Richtern wegen seiner korrekten und doch zupackenden Art geschätzt — das polnische Weißbuch. Obwohl Eichborn es bereits so vorbereitet hatte, daß die Richter sofort das Wesentliche erkennnen konnten, hatte Stahmer sich nicht getraut, es zu überreichen. Während des ersten Verhandlungstages wurde auch Kranzbühler auf der Straße von einem polnischen Offizier angesprochen, der ihm ein weiteres Exemplar des "Berichts über die Massaker an polnischen Offizieren im Katyner Wald" aushändigte. Das Gericht nahm es weder als Beweisstück an noch zur Kenntnis — immerhin machte sich der amerikanische Richter Biddle bei der Durchsicht Notizen. Der sowjetische Chefankläger Rudenkq geriet in große Erregung und sprach von einem "faschistischen Propagandablatt". Es nützte ihm nichts — das Gericht entschied mit Mehrheit, im Urteil über NaziDeutschland Katyn nicht mehr zu erwähnen. Ein paar Jahre später — der Kalte Krieg war in vollem Gange — nahm sich der US Kongreß des Falles an. Vor einem Untersuchungsausschuß mußten 1952 auch die drei deutschen Offiziere noch einmal aussagen. Insgesamt wurden 81 Zeugen gehört, 183 Beweisstücke und über 100 schriftliche Aussagen ausgewertet. Das Ergebnis: Der NKWD ist für das Blutbad verantwortlich. Der Ausschuß empfahl ein Verfahren gegen die Sowjetunion vor dem Internationalen Gerichtshof. Geschehen ist nichts. Großbritannien äußerte sich in all den Jahren überhaupt nicht zu dem Vorfall; manchen ihrer Diplomaten und Politiker war es peinlich, daß sie im Kriege und danach aus Gründen der Opportunität über dieses ungeheuerliche Verbrechen geschwiegen hatten.

Die kommunistisch geführte Regierung Polens mußte sich der sowjetischen Lesart anschließen. Nicht nachprüfbar ist ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, sie habe gleich nach dem Krieg eine unabhängige Untersuchung insgeheim in Auftrag gegeben. Ein Dr. Roman Martini sei zu dem Schluß gekommen, daß der NKWD die Gefangenen ermordet habe. Kurz darauf, im März 1946, soll Martini in Krakau von zwei Jungkommunisten ermordet worden sein.

Was die Polen, im Lande wie im Exil, weiter beunruhigte, war das Schicksal der übrigen zehntausend Vermißten aus den beiden anderen Offizierslagern. 1957 hat ein badisches Boulevardblatt ein angeblich echtes Geheimdokument des NKWD veröffentlicht, demzufolge die 4400 Gefangenen in Katyn von einem Kommando aus Minsk liquidiert wurden. Die Männer aus Ostaschkow hingegen seien von Geheimpolizisten aus Smolensk nahe der Stadt Bologoe, die Gefangenen aus dem ukrainischen Lager Starobelsk bei dem Dorf Dyergatche von einem Kommando aus Charkow erschossen worden.

Ob Fälschung oder nicht — wie es wirklich war, könnte nur die gemeinsame sowjetisch polnische Historikerkömmission herausbekommen, die zwar schon seit einem Jahr am Werk, aber offensichtlich noch lange nicht mit ihrer Arbeit fertig ist. Ihrem Ergebnis will Gorbatschow — sagt er — nicht vorgreifen.

Aber schon 1962 — nach der Abrechnung mit Stalin auf dem berühmten XX. Parteitag — wollte Nikita Chruschtschow das Geheimnis von Katyn aufdecken. Doch damals war es ausgerechnet der polnische Farteichef Gomulka, der seinen sowjetischen Kollegen davon abhielt. Er befürchtete, die Deutschen würden Katyn ausschlachten, um von ihren eigenen Verbrechen in Polen abzulenken. Es war eine falsche Entscheidung. Denn von Jahr zu Jahr mehrte sich der Unmut der polnischen Bevölkerung, weil die polnisch sowjetische Vergangenheit nie ehrlich aufgearbeitet wurde.