Bereits in den siebziger Jahren erschien im Safolgte eine heimlich gedruckte Dokumentation — als Verfasser wurden Jan Abramski und Ryszard Zywiecki genannt — der erste und der letzte Name auf der Totenliste von Katyn. Besonders die Bürgerrechtsgruppen und die verbotene Gewerkschaft Solidarnosc lassen bei diesem Thema nicht locker. Der Dissident und Historiker Adam Michnik (siehe ZEIT Dossier 1988Nr. 16) beanstandete, daß jetzt wieder nur "die fügsamsten Historiker" beider Länder ein Monopol haben, das Verbrechen von Katyn zu interpretieren. Das zu akzeptieren, hieße; weitere Fälschungen gutheißen. Doch einiges ist in Bewegung geraten. Vor einem Monat durfte zum erstenmal seit dem Krieg die Witwe eines in Katyn ermordeten Offiziers mit ihrer Tochter die Gedenkstätte bei Smolensk besuchen. Sie hatte zuvor ein Bittgesuch an Parteiund Regierungschef Jaruzelski gerichtet, dessen eigener Vater ein Opfer der Deportationen geworden. Primas Glemp hatte jüngst in Moskau beklagt, daß für die 4000 Katholiken in den Massengräbern noch nicht einmal ein Kreuz aufgestellt wurde. Am Sonntag durften polnische Militärpfarrer in Katyn eine Messe zelebrieren; eine Ehrengarde der Sowjetarmee war angeteten. Längst haben sich sowjetische Historiker unter der Hand von der offiziellen Version abgekehrt und der Lüge den Kampf angesagt. So wie es Reinhart von Eichborn 1946 aus der Sicht des mitbetroffenen deutschen Nachbarvolkes in einer für ihn nicht ungefährlichen Situation gefordert hat. Es ärgert ihn heute, daß der Reformpolitiker Gorbatschow nicht den Mut zur Wahrheit aufgebracht hat. Adam Michnik in seinem ZEIT Aufsatz: "Ist nicht die Zeit gekommen, zu sagen: Für unsere und für eure Wahrheit?"