Der schmächtige Facharbeiter Manuel Oganessjan aus Stepanakert starrte auf einen kleinen Metallgegenstand, der vor ihm auf dem Tisch lag. Zu seiner Rechten thronten zwei greise Verwandte, mit Kriegsorden geschmückt. An der Kopfseite des Tisches wartete ein Ermittler der Staatsanwaltschaft auf das Geständnis. „Ja“, meinte der Armenier vor der laufenden Kamera des Reporters, „ich habe diese Waffe selbst angefertigt. Meine beiden Onkel haben mich überzeugt, daß ich mich stellen muß.“

Dann im bildfüllenden Format die Primitivausführung einer Kleinkaliberpistole, die der Beschuldigte an seinem Arbeitsplatz angefertigt hatte, als der Streik bereits das öffentliche Leben in Nagornyj-Karabach zu lähmen begann. Nach den Ausschreitungen im aserbeidschanischen Sumgait habe man als Armenier nicht gewußt, was einem drohe. Trotz des verbotenen Waffenbesitzes war Oganessjan der positive Held in einem Mediendrama, das tagelang von immer neuen Waffenfunden unter den demonstrierenden und streikenden Armeniern berichtete. Berge von Brot- und Fleischmessern, selbstgebaute Granaten und Handfeuerwaffen sollten die drohende Kriminalisierung des Widerstandes im Kaukasus belegen.

Der zweite Akt des Dramas spielte tausend Kilometer nördlich von Armenien. Der Brigadier S. G. Pawlow klagte vor der Kamera, es gäbe keinen Lohn mehr, man schäme sich bereits, ohne Geld nach Hause zu gehen. Wegen der Streiks in den armenischen Zulieferfirmen fehlten seinem Betrieb in Tscherboksary 11 000 Elektromotoren. Der Schaden betrage weit über 400 000 Rubel. Die Selbstfinanzierung, eine Errungenschaft der Perestrojka, lasse jeden Arbeiter diese Verluste schmerzhaft spüren.

Die Prawda beklagte, wegen der armenischen Streiks habe es im ganzen Land Einbußen in Höhe von hunderten von Millionen Rubeln gegeben. Als dann noch Soldaten berichteten, wie sie in den Strudel der Auseinandersetzung am Flughafen von Eriwan gezogen worden seien, und als das Fernsehen zerstörte Mannschaftswagen, zerstochene Reifen und verletzte Soldaten zeigte, fiel es vielen schwer, sich noch mit den streikenden Armeniern zu solidarisieren.

Allerdings konterkarierte solche Bilder eine Aussage der armenischen Parteizeitung Kommunist, die von dem Schwesterblatt Prawda aus Moskau weiterverbreitet wurde. Der sowjetische Soldat sei stets ein willkommener Gast in jeder armenischen Familie, hieß es dort. „Armenier haben mich verfolgt und geschlagen, Armenier haben mich wieder gerettet“, berichtete ein Soldat, der die widersprüchliche Situation am eigenen Leib erfahren hatte. Ein zorniger Offizier ging hingegen mit den Demonstranten scharf ins Gericht: „Warum“, so klagte er, „wird in Eriwan nicht berichtet, daß wir schon in Sumgait Menschenleben geschützt haben?“

Spätestens mit dieser Medienkampagne schlug die Stimmung in der Sowjetunion um. Die öffentliche Meinung wäre empört gewesen, wenn das Präsidium des Obersten Sowjets dem Anschluß von Nagornyj-Karabach an Armenien zugestimmt hätte. Der Kompromiß, der jetzt als Resolution formuliert wurde, läßt aber noch Veränderungsmöglichkeiten offen. Vize-Staatspräsident Demitschew, sah durchaus die Möglichkeit, daß über die konstitutionelle Grundlage von Nagornyj-Karabach noch verhandelt werden könne. Ausgangspunkt dafür wäre der Vorschlag von Jewgenij Primakow, dem Akademiedirektor des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen, der für die umstrittene Region den Status einer autonomen Republik in den Grenzen der Sowjetrepublik Aserbeidschan anvisierte: Dies würde mehr Unabhängigkeit trotz territorialer Integrität Aserbeidschans bedeuten. Nicht alle 32 Redner, die sich in der hitzigen Debatte des Parlamentspräsidiums in Moskau zum Thema Nagornyj-Karabach äußerten, bemühten sich um solche konstruktiven Lösungsversuche. In einer langen Fernsehnacht konnten sich die Sowjetbürger selbst von den Argumenten der streitbaren Redner überzeugen.

„Die wirkliche Macht in Nagornyj-Karabach liegt jetzt in den Händen von staatsfeindlichen Elementen“, klagte der aserbeidschanische Parlamentspräsident Tatlijew und forderte den Schutz für seine Republik. Der Parteichef des umstrittenen Gebietes, Pogosjan, konterte: „Wir können uns nicht mit dem im Frühjahr beschlossenen Programm zur Verbesserung der nationalen Lage zufriedengeben.“