Die Schachfiguren des Mittelalters, aus (Elfen-)Bein geschnitzte Kleinplastiken, sind nach heutigen Begriffen etwas unhandlich, die zierlichen Porzellanfiguren aus dem 18. Jahrhundert wirken doch ziemlich zerbrechlich und die Figurensätze des 19. Jahrhunderts verwechseln nicht selten das Spiel mit dem Ernstfall, wenn Schach zum Aufbau von Feindbildern mißbraucht wird. Noch dieser hochtrabende Kitsch erhob einen gestalterischen Anspruch, hinter dem die Standardfiguren unserer Tage weit zurückbleiben – das Vergnügen, den Gegner mit einer elegant ziselierten Dame mattzusetzen, gehört leider der Vergangenheit an. Unter den erlesenen Stücken aus zwölf Jahrhunderten, die das Bayerische Nationalmuseum präsentiert („Schönes Schach“), sind sicher manche, die gleich als Kostbarkeiten in die Kunstkammern wanderten, doch ein Großteil der von Bildhauern oder Goldschmieden hergestellten Kunstwerke wurden benutzt, auch die Figuren des Spiels, das Kalif Harun ar-Raschid Kaiser Karl dem Großen schenkte (vorausgesetzt, der ausgestellte Springer war Teil dieses Spiels). Als das Spiel der Könige, das zugleich ein Spiel mit Königen war (man begegnet den Portraits von Ludwig XIV., Maria Theresia, Friedrich dem Großen, Napoleon), im ausgehenden 18. Jahrhundert zum intellektuellen Zeitvertreib der Bürger wurde, begann die Industrialisierung der Schachfigurenproduktion. Dabei blieb immer noch das Zeitkolorit erhalten, die Figuren sind à la mode kostümiert, spiegeln nationale Triumphe und kolonialistischen Expansionsdrang. Der in der uniformen Ausformung der Figuren in unserem Jahrhundert verlorengegangene Gegenwartbezug wird heute auf ganz kuriose Weise wiederhergestellt. In der Sammlung Jaeger, ausgestellt im Staatlichen Museum für Völkerkunde („Schachspiele“), entdeckt man ein Auto-Schachspiel (hier entsprechen schnelle, wendige oder geländegängige Autos den Bewegungsmöglichkeiten der Figuren) und ein James-Bond-Schachspiel, mit all den bekannten Helden und Schurken. Diese Sammlung enthält Spiele aus aller Welt, das gleiche gilt auch für das aus mehreren Privatsammlungen entliehene Schachfigurendefilée im Palais Preysing der Bayerischen Vereinsbank („Zug der Könige“). Hier wie dort überrascht die phantasievolle Gestaltungsweise der sogenannten Primitiven, die – wo sie abstrahiert oder konstruktivistisch vorgeht – die Entwürfe renommierter Künstler der Avantgarde lässig übertrumpft... („Schönes Schach“ bis zum 31.7., vom 20.8. – 7.10. im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Katalog 20 Mark; „Zug der Könige“ bis zum 6.8., Katalog 15 Mark; „Schachspiele“ bis zum 2.10., Katalog 25 Mark) Helmut Schneider