Eine seiner Wurzeln hat der Hitlersche Vernichtungsantisemitismus in der bildungsbürgerlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts. An den Universitäten des Kaiserreichs war bereits vieles vorgedacht worden, was nach 1933 in den Amtsstuben des NS-Staates in die Tat umgesetzt wurde. Seit den 1880er Jahren hat vor allem in studentischen Kreisen der Antisemitismus eine herausragende Rolle gespielt.

Das zeigt:

Norbert Kampe:

Studenten und ,Judenfrage‘ im deutschen Kaiserreich. Die Entstehung einer akademischen Trägerschicht des Antisemitismus

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988; 327 S., 58,– DM.

An der Einstellung zur sogenannten „Judenfrage“ entschied es sich, wo man politisch stand, ob man ein Anhänger oder ein Gegner des Prinzips „Emanzipation“ war, meint Kampe.

Zweifellos gab es einen Zusammenhang zwischen dem beginnenden studentischen Antisemitismus und der innenpolitischen Wende 1878/79. Kampe vertritt die These, daß die zu Beginn der achtziger Jahre feststellbare „Krise der akademischen Bildung“ die Studentenschaft in starkem Maße politisiert und polarisiert habe. Der sich artikulierende Unmut habe sich gegen die Modernisierungstendenzen allgemein gerichtet und gegen den vermeintlichen „jüdischen“ Einfluß insbesondere. Mit Argwohn sei der soziale Aufstieg der Juden beobachtet worden, von dem man meinte, er würde auf Kosten der „christlichen“ Bevölkerungsmehrheit erfolgen. Die eingebildete Angst vor der „jüdischen“ Konkurrenz sei schließlich das zentrale Motiv geworden, das zur Ausgrenzung der Kommilitonen jüdischer Herkunft aus dem studentischen Leben der Universitäten führte.