Nach der Ruhigstellung Jesse Jacksons: Die Demokraten zeigten ein weiches Profil

Von Dieter Buhl

Atlanta, im Juli

In den Tagen zuvor hatte sein Gesicht unbeugsame Entschlossenheit verkündet, waren ihm Unmut und Ungeduld anzumerken. Eine sperrige Hürde hatte vor ihm gelegen. Jetzt lächelt Michael Dukakis gelöst wie selten. Beschwingt betritt er die Bühne des Ballsaals im Hyatt-Hotel. Im Schlepptau hat er den Mann, der seinen größten Triumph zu überschatten und den Parteitag in ein Schlachtfeld zu verwandeln drohte. Doch in diesem Augenblick lacht auch Jesse Jackson. Sein Strahlen ist die Botschaft, auf die die Parteitagsdelegierten gewartet haben. Ein Waffenstillstand ist erreicht, vielleicht sogar der Friede zwischen den beiden Konkurrenten.

Umrahmt von seinem bisherigen Widersacher und seinem künftigen Teamgefährten Lloyd Bernsen kann Dukakis die frohe Botschaft offiziell verbreiten: Es ist geschafft, die Reihen der Demokraten sind wieder geschlossen. Selbst in diesem Moment der Genugtuung aber gibt sich der Kandidat nicht lange ungehemmter Freude hin. Schnell hat er sich wieder unter Kontrolle. Mit geballtem Ernst nimmt er Zuflucht zu seinen Standardformeln von Hoffnung und Optimismus für Amerika, die nun auch Jackson als wichtiger Mitstreiter im Präsidentschaftswahlkampf vertreten soll.

Der schwarze Prediger genießt die Szene. Endlich gewährt ihm der Sieger vor aller Öffentlichkeit den Respekt, auf den er tagelang vehement Anspruch erhoben hat. Gelassen läßt Jackson die Versprechungen des Spitzenkandidaten und die Komplimente für seinen spektakulären Wahlkampf über sich ergehen. Dies ist nicht die Stunde für seinen blitzschnellen Witz und seine gefürchtete Ironie. Nichts darf die plötzliche Idylle stören. Allein das gemeinsame Photo mit Dukakis und Bernsen entlohnt für die zurückliegenden Demütigungen. Es sagt allen Amerikanern: Jesse Jackson gehört zum Establishment der Demokraten, er steht nicht mehr vor der Tür.

Bis zu diesem Gipfeltreffen hatte zwischen den beiden Lagern Krieg geherrscht, mit den Jackson-Leuten in der Offensive, fordernd und selbstbewußt. Immer wieder waren die Unterhändler zusammengetroffen. Ihre anschließenden Erklärungen in polierter Kommunique-Sprache hatten die Verwirrung nur vergrößert. Was will Jesse eigentlich, fragten die Delegierten verärgert, denn sein Verhalten glich einem politischen Amoklauf, der früher oder später in einem Desaster enden müßte.