Von Andreas Kilb

Dem zehnjährigen Robert Fillman aus Boston ist vor ein paar Jahren gelungen, worum sich Filmkritiker in aller Welt oft verzweifelt bemühen: eine ganze Serie von Filmen in einem Satz auf den Punkt zu bringen. Gefragt, was ihm denn an den "Rocky"-Filmen seines Idols Sylvester Stallone besonders gefalle, sagte Robert: "Er gewinnt immer." Viermal hatte Rocky Balboa, der "italienische Hengst" aus Philadelphia, bis dahin gesiegt – über die eigenen Minderwertigkeitskomplexe, über den Boxweltmeister Apollo Creed, über den schwarzen Bösewicht "Mr.T", über die russische Kampfmaschine Ivan Drago. Viermal kam Rocky ins Kino, seine Geschichte spielte weltweit eine Milliarde Dollar ein. Seit zwei Jahren aber herrscht Ruhe um den alternden Boxer. Diese Pause kann er sich leisten. Denn auf den Leinwänden, die (für Filmkritiker und für gewisse Politiker) die Welt bedeuten, kämpft jetzt sein alter ego für die gerechte Sache. Rambo kehrt zurück – und macht da weiter, wo Rocky angefangen hat.

So etwa muß es sich Sylvester Stallone gedacht haben, als er das Drehbuch für "Rambo III" schrieb. Rocky schlug beim letzten Mal in Moskau zu – Rambo wird an die nächstgelegene Ost-West-Front geschickt. Die stand bis vor kurzem in Afghanistan. Zwischen August 1987 und Januar 1988 wurde "Rambo III" gedreht, ein Riesenprojekt mit gewaltigen Bauten und feurigen Materialschlachten in Israel, Indien und Arizona. Mittlerweile hat der Rückzug der russischen Truppen aus Afghanistan begonnen. Rambo kämpft auf verlorenem Posten. So kann man sich verspekulieren.

Aber nicht nur die Zeitgeschichte hat Rambo überholt, auch im Kino hat sich der Wind gedreht. Mit Oliver Stones "Platoon", Stanley Kubricks "Full Metal Jacket", John Irvings "Hamburger Hill" und Barry Levinsons "Good Morning Vietnam" (deutscher Kinostart am 8. September) ist, wie es scheint, die letzte Welle von Vietnam-Filmen über die Leinwände gerollt. Das Publikum ist kampfesmüde, der Krieg im Kino ist vorbei. Beim amerikanischen Kinostart vor sieben Wochen wurde "Rambo III" von der gleichzeitig angelaufenen Komödie "Crocodile Dundee II" deutlich überrundet. Bisher hat der Film nur knapp seine Produktionskosten an der Kinokasse wieder eingespielt. In einem Jahr, in dem die amerikanische Kinoindustrie so saftige Profite verzeichnet wie selten zuvor, ist das ein schmählicher Abgang.

"Rambo III": ein Anachronismus. Der Jugendfilm-Verleih bringt den Film in dieser Woche mit der Rekordzahl von 430 Kopien in die deutschen Kinos. Vielleicht gelingt hierzulande ja noch einmal, was in Amerika schon nicht mehr geklappt hat: der ganz große Erfolg, die Massenfeier für den Schlächter aus Leidenschaft. Vielleicht ist "Rambo III" aber auch der letzte Auftritt des John J. Rambo im Kino. Dann wird es Zeit, zurückzublicken: auf die Jahre des Wahns, auf den monströsesten aller Kinohelden, auf eine düstere Figur, die sich überlebt hat.

Kino-Legenden sterben schnell. Aber vielleicht ist "Rambo" noch nicht einmal dies, sondern nur ein langer, quälender Traum. Wenn wir erwachen, wird die Welt wie zuvor sein, weder gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch. Und im Reich der Finsternis wird es Licht.

Zwei Männer in Anzügen, ein Offizier und ein Zivilist, verlassen die amerikanische Botschaft in Bangkok. Sie fahren zum Hafen. Sie haben ein Photo dabei, das sie den Einheimischen zeigen. Sie suchen den Mann, der auf dem Photo zu sehen ist.