Die kritischen Stimmen mehren sich. Immer häufiger gerät das Bundesgesundheitsamt (BGA) in die Schlagzeilen. Die Berliner Behörde muß derzeit mit dem Vorwurf leben, sich mit der Industrie, die sie eigentlich kontrollieren soll, zu gut zu verstehen. Das Amt steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. Auch die jüngste Offensive seines Präsidenten Dieter Großklaus konnte daran nichts ändern. Er bemühte sich, die Vorwürfe öffentlich zu entkräften.

Das schlechte Image hat bei den Berliner Gesundheitsschützern nach Auffassung ihres Präsidenten eine tiefe Motivationskrise ausgelöst. Der Konflikt verunsichert aber vor allem die Bürger.

Chronischer Geldmangel der Behörde dürfte eine der Hauptursachen des Dilemmas sein. Wie anders ist zu erklären, daß ein privater Förderverein die Arbeit eines der BGA-Institute mit der Finanzierung von Tritthockern oder Videogeräten unterstützt? Da in dem spendierfreudigen Verein ausgerechnet auch Hersteller gefährlicher Produkte vertreten sind, die das BGA kontrollieren soll, muß zwangsläufig der Verdacht mangelnder Unabhängigkeit entstehen.

Hoheitliche Aufgaben wie der Schutz vor gesundheitlichen Risiken müssen vollständig vom Staat bezahlt werden. Und wenn die Bonner Finanzverwalter meinen, daß ihnen dafür das nötige Geld fehlt, sollten sie zumindest solche neuen Finanzquellen auftun, die den Kontrolleuren nicht die Unabhängigkeit nehmen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, den Herstellern von risikoreichen Stoffen eine spezielle Abgabe abzuverlangen, die zunächst in einen staatlich verwalteten Topf fließt. Davon könnte dann das Amt profitieren.

Mehr Geld bedeutet freilich nicht automatisch auch mehr – und vor allem bessere – Informationen. Die bekommt das Amt heilte fast nur ausgerechnet von jener Industrie, die es kontrollieren soll. In der bisher praktizierten Einseitigkeit muß geradezu der Eindruck der Kumpanei entstehen. Das Amt dürfte weder Kosten noch Mühe scheuen, sich auch herstellerkritische Informationen zu beschaffen und auszuwerten. Dafür braucht es den politischen Willen, aber auch geeignete Experten. Doch die wenigen Kritiker der Pharmaindustrie haben sich bis heute noch nicht zu einem eigenen Verband zusammengeschlossen. Das schwächt ihre Fähigkeit, sich Gehör zu verschaffen.

Wäre dieses Defizit beseitigt, könnte möglicherweise auch ein weiteres Problem besser gelöst werden. Die Bonner Regierung neigt nämlich ab und an dazu, ihre Behörden, nicht nur das BGA, als Legitimationsinstanzen für die gerade opportune Politik zu mißbrauchen. Zum Beispiel wenn das BGA bei der Bewertung von Formaldehyd binnen weniger Monate eine kaum nachvollziehbare Kehrtwendung macht. Bei den Themen Asbest und Dieselabgase bekam auch das Umweltbundesamt bereits Bonner Intervention zu spüren.

Wissenschaftlichen Bundesbehörden Maulkörbe zu verpassen zeugt von einem merkwürdigen Politikverständnis. Deshalb ist das Verhältnis zwischen der Bonner Regierung und deren Kontrollbehörden selbst reif für eine Überprüfung. Die Politiker müssen den Mut haben, auch gegen die Ergebnisse wissenschaftlicher Expertisen zu handeln. Das ist ehrlicher als der Versuch, solche Erkenntnisse erst gar nicht bekanntwerden zu lassen oder in den Prozeß der wissenschaftlichen Meinungsbildung einzugreifen.