Es ist durchaus möglich, daß unsere Geschichtsschreiber den Niedergang der Regierung Kohl später einmal im Sommer 1988 anfangen lassen. Wem man auch immer in diesen Tagen über den Weg läuft: Allen drückt dumpfes, nervöses Unbehagen aufs Gemüt. „Stimmungen verselbständigen sich und werden zur politischen Qualität, die Fakten schaffen“, schwant der FAZ in einer Bonner Zustandsbeschreibung.

Der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel kommt mit seiner seltsamen Aufforderung an die Union, doch bitte diesen Kanzler Kohl aus dem Kanzleramt zu entfernen, dem allgemeinen Mißvergnügen entgegen, ohne Fakten schaffen zu können. Ob die SPD wirklich den Bundestag aus den Ferien holen will? Recht uneigennützig hört sich an, was sie damit erreichen möchte, oder besser: Daraus spricht zornige Ratlosigkeit aufgrund der eigenen Ohnmacht. Kohl kann zwar theoretisch dazu aufgefordert werden, die Vertrauensfrage zu stellen; er muß jedoch dieser Aufforderung, falls sich dafür eine Mehrheit ergäbe, nicht nachkommen. Vogel aber stellt sich vor, daß die Union die günstige Gelegenheit nützen könnte, „jemanden, der offenbar seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist, zu ersetzen durch jemanden, der – zumindest nach den eigenen Zielvorstellungen – dieser Aufgabe besser gewachsen ist...“

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Dankbar für jede Ablenkung steigt der Chronist in seine verstaubte Handbibliothek. Richtig, ähnliches hatten wir in unserer Republik schon einmal.

Es begab sich am 27. Oktober 1966, daß die FDP-Bundesminister auf Verlangen ihrer Fraktion die Regierung Erhard verließen.

Das Kabinett hatte Verbrauchssteuererhöhungen beschlossen, der Finanzminister hieß damals Dahlgrün. Die FDP-Fraktion billigte sie nicht. Die Schlagzeilen jener Tage: Führungsschwäche des Kanzlers; Angst vor der Rezession; Strukturprobleme bei Kohle und Stahl; Milliardenloch im Haushalt; Kabalen von Adenauer und Strauß gegen den Kanzler; Interview-Feldzüge der Unionsfürsten.

Die SPD wollte ihre Chance nutzen und den Keil tief in die Wunde treiben. Sie stellte den Antrag, daß Erhard gemäß Artikel 68 GG die Vertrauensfrage stellen solle. Die FDP stimmte zu. Sie war jedoch nicht bereit, Erhard durch ein konstruktives Mißtrauensvotum zu stürzen und einen neuen Kanzler zu wählen.