Von Bernhard Wördehoff

Lange bevor das Ehepaar Borski vor zehn Jahren von Berlin (West) ins nordfriesische Dreisdorf umzog, hatte das 2000-Seelen-Dorf schon seinen literarischen Hintergrund. Den verdankte es – wie könnte es im Dunstkreis von Husum anders sein – Theodor Storm. Der war in der Drelsdorfer Kirche durch das Epitaph der Pastorenfamilie Bonnix von 1656, zumal vom Porträt des ertrunkenen Sohnes, angeregt worden zu seiner Novelle „Aquis submersus“. Storms Dichterfreund Turgenjew hat sie „fein und poetisch“ gefunden, nur am Ende „ein bißchen peinlich“. Immerhin, die grausige Geschichte hat vor gut einem Jahrhundert die Literaten Europas beschäftigt, bevor sie als Schullektüre mumifiziert wurde.

Als Neu-Drelsdorfer haben die Borskis natürlich inzwischen eine Erstausgabe der Storm-Novelle mit dem Stoff von der Kirchenwand in ihrem Privatbesitz. Für Antiquare eine Ehrensache. Aus den Berliner Journalisten Rita und Arnim Borski sind nämlich Drelsdorfer Antiquare geworden. Ihre Storm-trouvaille mit dem Drelsdorfer Hintergrund konnten sie allerdings nur auf einer Auktion in ihrer alten Heimatstadt ersteigern.

1978 haben die beiden Berufs- und Ortswechsel vollzogen, sind mit 80 000 Büchern eines angesehenen Berliner Antiquars in drei 25-Tonnern auf ihre Datsche im Norden umgesiedelt. Das alte strohgedeckte Haus heißt seitdem „Der Büchergarten“. Gelassen wie die poetische Verfremdung des Epitaphs in ihrer Kirche durch Theodor Storm vor 110 Jahren haben die Drelsdorfer auch diese Herausforderung durch Literatur ertragen. Antiquare solcher Art leben aber auch nicht von Laufkundschaft, sondern von Bestellungen nach Katalogen, deren periodische Herstellung eine wesentliche Aufgabe des Antiquars ist. Darum dürften wohl nur wenige Drelsdorfer mitbekommen haben, welches ehrgeizige wie riskante Jubiläum sich die Borskis zum zehnjährigen Bestehen ihres Büchergartens unter seinem traulichen Strohdach ausgerichtet haben.

Spurensuche, das Auffinden schmaler und zum Teil längst überwachsener Pfade durch den Sumpf deutscher Zeitgeschichte: So könnte man die Jubiläumsarbeit aus Dreisdorf kennzeichnen. Sie hat sich in zwei Katalogen manifestiert. Unter dem Titel „Heimat ist anderswo?“ – „Von Alexander Abusch bis Thomas Mann“ (Nr. 23) und „Von Robert Musil bis Frank Zwillinger“ (Nr. 25) haben die Borskis Lebenszeichen gesammelt, „haben wir“, wie es im Vorwort heißt, „Bekannte und Bedeutende, aber auch Verlorene und oft zu Unrecht Verschollene namhaft gemacht; haben wir versucht – soweit uns möglich –, Stationen von Leben und Arbeit vor 1933, im Exil und nach 1945 zu belegen. Kein Katalog also, der vorrangig Exil-Literatur zusammenträgt (das ergibt sich zusätzlich), sondern zuerst und vor allem die Absicht: Menschen auf ihren Lebensbahnen, auf ihren durch die Vertreibung heimatlos gewordenen Wegen darzustellen. Menschen aus allen sozialen, geistigen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen“.

Die beiden Kataloge tragen über 5000 Titel zusammen. Jedem Autorennamen ist ein biographisches Stenogramm vorangestellt. Eine beachtliche Leistung, die die Kataloge nicht nur zu einer Art Nachschlagewerk macht, sondern auch eindrucksvoll die weltweite Diaspora belegt, in die die deutsche Intelligenz durch Hitler verstreut wurde. Licht auf den Verlust geistigen Reichtums und auf die Spuren, die in der Weimarer Republik für die Gegenwart unserer Republik gelegt wurden und für viele schon vom Dunkel des Vergessens verhüllt sind.

Die geringere Zahl jener, die in den Drelsdorfer Katalogen verzeichnet sind, kehrte in die Heimat zurück. Von 45 Autoren, mit denen die Borskis Kontakt im Ausland suchten, haben 42 geantwortet.