Deutsche Unternehmen verdienen an der Weitergabe von spaltbarem Material

Von Wolfgang Hoffmann Am 13. Juni hatte Gary Milhollin, Rechtsprofessor und Direktor an der amerikanischen Universität von Wisconsin, seinen Forschungsbericht abgeschlossen und ihn mit Sperrfrist Dienstag, 21. Juni, fünf Uhr p.m. zur Veröffentlichung freigegeben. Dem Hamburger Spiegel schien der Inhalt der Arbeit so brisant, daß er die Sperrfrist durchbrach und schon am Montag, dem 20. Juni, meldete, was Gary Milhollin herausgefunden hat: Die deutsche Firma Alfred Hempel GmbH und Co. KG ist eine nukleare Waschanlage und hat Indien ein atomares Arsenal verschafft.

Wenn sich als wahr erweist, was Gary Milhollin in einem Vierzehn-Seiten-Dossier zusammengetragen hat, dann stünde die Bundesrepublik ein weiteres Mal im Verdacht, gegen den Vertrag über die Nicht-Verbreitung von Kernwaffenmaterial – kurz NV-Vertrag oder Atomwaffensperrvertrag – verstoßen zu haben; ein Vorwurf, den ja auch der Zweite Untersuchungsausschuß des 11. Deutschen Bundestages in Zusammenhang mit dem Hanauer Nuklearskandal um die Firmen Transnuklear und Nukem untersucht.

Der Vorwurf en detail: Die Düsseldorfer Firma Alfred Hempel soll (vorwiegend über ihre Tochter, die Rohstoff-Einfuhr GmbH) von 1976 bis 1986 zwischen 20 und 25 Tonnen schweres Wasser (Deuterium) in Norwegen beschafft und nach Indien weiterverkauft haben. Indien – so Milhollin – habe auf diesem Wege genügend Schwerwasser erhalten, um drei Schwerwasser-Kernreaktoren in Betrieb zu setzen, zwei in Madras und einen dritten in Dhruva. Diese Reaktoren produzieren pro Jahr rund zwanzig Kilogramm Plutonium, genug für dreißig bis vierzig Atombomben.

Artikel III des Atomwaffensperrvertrags verbietet nicht nur den Export von Spaltmaterial, sondern auch die Ausfuhr von Anlagen und Materialien wie zum Beispiel schweres Wasser, die geeignet sind, waffenfähige Spaltstoffe zu produzieren, es sei denn, der Importeur stellt seine nuklearen Anlagen inklusive der importierten Waren unter die Kontrolle der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) in Wien. Da die indischen Reaktoren aber nicht der IAEA-Kontrolle unterliegen, hätte ein legaler Export des schweren Wassers aus Norwegen oder aus der Bundesrepublik in keinem Fall genehmigt werden können.

Milhollin zufolge hat die Düsseldorfer Firma Hempel die norwegischen Behörden offenkundig hinters Licht geführt. Um an das schwere Wasser heranzukommen, hatte sich Hempel bei dem Deutschen Bundesamt für Wirtschaft in Eschborn eine internationale Importbescheinigung verschafft, die dazu berechtigte, das Material in die Bundesrepublik einzuführen. Ein Schwerwasserexport von Norwegen in die Bundesrepublik ist für die Nuklearbehörden in Oslo ein unproblematischer Fall, denn die Bundesrepublik hat sämtliche Nuklearanlagen den IAEA-Kontrolleuren geöffnet. In der Bundesrepublik ist das Material jedoch nie angekommen, es wurde umgeleitet – offenbar nach Indien, was Hempel allerdings bestreitet, ohne zu erklären, wer die Ware bekommen hat. Professor Milhollin stellt nun die bange Frage: „Wen wird Hempel als nächsten beliefern?“

Zumindest für die Norweger wird es keinen nächsten mehr geben, den Hempel beliefern könnte. Noch vor Abschluß der polizeilichen Untersuchungen in Oslo ist nach Auskunft der norwegischen Botschaft in Bonn ziemlich sicher, daß Norwegen künftig überhaupt kein schweres Wasser mehr ausführen wird. Hempel wird auf andere