Festivalpoesie I

„Doch wenn die Mimen fertig sind,/Weht vor der Tür ein holder Wind“ – so reimt der Kritiker Alfred Kerr, wenn er ans Theater denkt. Kern frischer Lufthauch wabert als Weihrauch in den Hofberichten, mit denen die Springer-Zeitungen das Schleswig-Holstein Musik Festival bedenken, das der Pianisten-Professor Justus Frantz vor drei Jahren gegründet hat. Der Frantzdampf in allen Gassen, der mit gleichem Elan das Brems-Pedal seines Flügels wie das Gas-Pedal der Rennwagen bedient, mit denen er zwischen Kuhhäusern und Klosterhöfen, Reithallen und Herrenhäusern hin und her flitzt, in denen an 44 Tagen 175 Mal musiziert wird, ist inzwischen auf den Hubschrauber umgestiegen, um der „Bilokation“ näher zu kommen, wie die Welt rühmt, der „körperlichen Anwesenheit an zwei Orten zugleich“. Neben dem verdienten Intendanten des Volks-Festivals (billigste Karte: 10 Mark) zieht der Dirigent Leonard Bernstein, den wir natürlich „Lennie“ nennen, die Blicke auf sich. Da verliert der Berichterstatter schon mal den Bundespräsidenten aus den Augen – denn „in selbiger Scheune herrscht nur einer: Lennie Bernstein. Hier spielt er, agiert er, doziert er und hält Hof. Halbgott für seine Schüler, der reine Wahnsinn für seine Fans ... Dieser Mann ist ein Zauberer, ein König Midas der Musik. Das Orchester vibriert unter der kleinsten seiner Bewegungen, als erotisiere er die 120 Menschen. Aber nicht nur sie. Das Publikum ist wie hypnotisiert. Die Augen ausgerichtet auf diesen Mann, der nichts ist als Musik. Die Füße gehen mit wie willenlos, die Köpfe nicken ... Irgendwo steckt auch Erlösung drin.“ Irgendwo steckt auch der Wurm drin. Achtundvierzig Stunden später jedenfalls meldet das Zentralorgan des Festivals, die Welt : „König Midas ist müde geworden.“ Als „Medien-Fokus berauscht er“ zwar noch „die Massen“, doch „fordert der Rösselsprung über Kontinente und Terminkalenderspalten seinen Tribut: Wer den verklärten Blick auf des Meisters Rauchsäulen mit der Einsichtnahme in die Partituren vertauscht..., der sieht des Kaisers neue Kleider in anderem Licht...“

Festivalpöesie II

Festival muß sein, auch in Hamburg. Als „kulturellen Knallbonbon“ des „Internationalen Sommertheaters“ stellt die Welt Gerald Uhlig vor, „Theatermacher, Regisseur, Schauspieler, Talkmaster, Drehbuch-Autor“. Als ob das nicht genug wäre, lobt der Knaller sich selber: „Ich liefere Hamburgs Kulturleben immer süße kleine High-Lights“, denn „den Hamburgern fehlt ein schöner öffentlicher Bezug zur Erotik“. Deshalb „arbeitet“, wie die Welt versichert, der Bonbon „gern mit Weihrauchschwaden, Obszönitäten und nackten Leibern“ – und gibt zu bedenken: „Vielleicht ist Uhlig durch den Vater belastet, der nach dem Krieg die nahtlose Damenstrumpfhose erfand. Schicksal, Passion und eigentlicher Antriebsmotor seiner Theaterarbeit sind die Frauen...“