Über Talkshows und bessere Diskussionen im deutschen Fernsehen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Es sei die Rede von allen möglichen Arten verbalen Austauschs im Fernsehen. Von allen anderen Diskussionen unterscheiden sich Fernseh-Diskussionen durch nichts so sehr wie durch ihre Technik. Wo Kameras sind, müssen Kameramänner sein und Toningenieure und Mischpulte und Regisseure. Das alles addiert sich zu einigem technischen Aufwand. Die meisten Menschen verhalten sich anders, verfälschen ihr natürliches Benehmen.

Sehr wichtig ist, daß im Fernsehen die Reaktionen derjenigen gezeigt werden können, die nicht gerade selber sprechen. Wie bei einem Fußballspiel, der Vergleich sei erlaubt, ist ja bei einer Diskussion nicht nur interessant, wer gerade den Ball oder das Wort führt; mindestens ebenso interessant ist es zu sehen, was während dieser Zeit die anderen tun. Wenn sie nicht sprechen, so reagieren sie doch.. Was sich an ihnen beobachten läßt, wird heute gern als „Körpersprache“ bezeichnet. Erfahrenen Kameramännern ist längst diese Körpersprache der anderen interessanter als die Pose des gerade Sprechenden.

Da liegt nun freilich auch eine Gefahr. Ich erinnere mich an eine Fernseh-Diskussion, die damals der Südwestfunk zusammen mit der ZEIT machte. Es ging um Schulen oder Universitäten. Eine Teilnehmerin hatte einen Rock an, der kürzer war, als sie ihn hätte tragen sollen. Von den Argumenten einer klugen Frau wurde dadurch abgelenkt, da die Kamera doch zuweilen der Versuchung nicht widerstehen konnte, zu zeigen, wie die Arme sich dauernd bemühte, mit einem leider zu kurzen Rock ihre Knie zu bedecken.

Wer der Auffassung ist, Gespräche sollten im Fernsehen nicht manipuliert werden, wird die Bedeutung des Ambiente nicht unterschätzen. Es ist keineswegs unwichtig, wo und unter welchen Umständen eine Diskussion stattfindet. Daß man geschminkt und mit einem Mikrophon ausgerüstet werden muß, vor allem jedoch, daß man unter den Scheinwerfern ins Schwitzen gerät, reicht für viele schon, sich unbehaglich zu fühlen. Wenn ein Raucher nicht rauchen darf, tut die verordnete Abstinenz der Gesundheit ebenso wie der Charakterstärke des Süchtigen vielleicht ganz gut. Aber er bleibt nicht der gleiche, der er sonst ist. Ich weiß: nur Raucher werden mir das glauben. Und wo eine behagliche Club-Atmosphäre für ein Gespräch beabsichtigt ist, da muß auch etwas zu trinken angeboten werden. Askese in Club-Sesseln ist widersinnig.

Nun sind ja Pfeife und Zigaretten, Mineralwasser und Wein, Club-Sessel oder Bar-Hocker nur gewissermaßen Accessoires des Ambiente. Klar, auch Bars haben schon als Räume für Diskussionen herhalten müssen. Da hat einer sich von dem Spruch „immer locker vom Hocker“ verführen lassen. Das Irreste, was ich selber mit exklusiven Diskussionsräumen erlebt habe, geschah in Köln. Da gab es eine Diskussions-Sendung, die hieß „Arena“. Ob sie nun gleich so konzipiert oder ob der Bühnenbildner durch den Titel dazu verführt worden war: da mußten die Gäste doch tatsächlich in einer Arena Platz nehmen. Nicht, daß ihr Thema irgend etwas mit Zirkus zu tun gehabt hätte. Der Regisseur hatte wohl gerade eine der Standard-Inszenierungen von „Lulu“ gesehen.