Von Volker Mauersberger

Natürlich hat er diesen Tag sehr bewußt und voller Erinnerungen erlebt. Jorge Semprún, der sich fast manisch an alles errinnern, nichts vergessen will, sieht in dem Ereignis seiner Ministervereidigung sogar eine historische Versöhnungsgeste – Versöhnung nach Verfolgung, Achtung und Exil. Und nun ist der Vierundsechzigjährige so nervös und aufgeregt, daß er eine Stunde zu früh vor den Toren des Madrider Königspalastes erscheint, wo an diesem 12. Juli sechs neue Minister vereidigt werden sollen. Er muß warten und den Hütern des Zarzuela-Palastes gut zureden, damit sie ihn einlassen. „Sie wußten mit meinem Namen nichts anzufangen“, frotzelt er über diese Episode später und gibt zu, daß dieser Tag nun wirklich von Symbolik und historisch menschlicher Parallelität erfüllt gewesen sei.

Der spanische Ministerpräsident Felipe González hat den Schriftsteller Jorge Semprún völlig überraschend ins ehrenvolle Amt des Kulturministers berufen. Die beiden kennen sich schon aus den Tagen des Widerstandes gegen das Franco-Regime: Sie hatten sich wenige Wochen vor Francos Tod unter den Decknamen „Isidoro“ und „Federico Sanchez“ in Frankreich getroffen; auch Spaniens neuer Justizminister Enrique Mugica gehört zu jenen Kampfgefährten, mit denen der Aktivist, Revolutionär, Romancier, Drehbuchautor und Publizist Jorge Semprún einst konspirierte. Nun also hat González den stets Heimatlosen aus dem Pariser Exil zurückgeholt. Ist es eine endgültige Heimkehr? „Ich habe gespürt, daß ich inzwischen, staatenlos bin“, hat er noch vor wenigen Jahren gesagt, „auch in Spanien bin ich inzwischen ein Fremder.“ Fast 50 Jahre hat Jorge Semprún in Frankreich gelebt; Madrid, seine Geburtsstadt, hatte er als Sechzehnjähriger verlassen. „Ich werde jetzt hier leben und arbeiten“, sagt er am Abend, als ihm die Anstrengung des Tages im Gesicht geschrieben steht. „Ich hoffe, daß ich es gut machen werde.“

Die Ernennung des fast schon vergessenen Intellektuellen zum Minister erinnert das Land erneut an die Verwicklungen seiner Geschichte. Denn Jorge Semprún Maura, 1923 als Sohn eines linkskatholischen Juraprofessors und späteren republikanischen Diplomaten geboren, repräsentiert, wie nur wenige jene berüchtigten „zwei Gesichter Spaniens“ durch seine Herkunft sowie die eigene wilde Biographie. Sein Großvater Antonio Maura war unter dem konservativen, selbstherrlichen König Alfons XIII. vier Jahre lang spanischer Ministerpräsident; der Vater hat die republikanische Regierung zeitweise in der Schweiz und Holland vertreten, und der Onkel Miguel Maura war Innenminister der zweiten spanischen Republik. Noch während des spanischen Bürgerkrieges flieht die stets republikanisch eingestellte Familie nach Frankreich. Kaum zwanzigjährig nimmt der als hitzig und draufgängerisch geltende Sohn die Waffe in die Hand, um an der Seite der französichen Résistance gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. „Ich bin ein spanischer Intellektueller, der sich für die politischen und kulturellen Kämpfe seiner Epoche engagierte“, wird er Jahrzehnte später in einer denkwürdigen Rede an deutsche Intellektuelle sagen.

1943 wird Semprún von der Gestapo in Paris verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Als teuflische Ironie hat er die Nähe Buchenwalds zu der Stadt Weimar bezeichnet, die ihm, dem Goethe-Liebhaber fast zur geistigen Heimat geworden war. Und zur Paradoxie seines Lebens gehörte auch, daß er ausgerechnet als Gefangener der Nationalsozialisten sein Deutsch so perfektionierte, daß er Musil, Hölderlin und Rilke und auch die Schriften von Hegel und Marx mühelos bewältigen kann.

Jorge Semprún hat ein mutiges Leben geführt, gefährliche Grenzgänge unternommen. Unter den Decknamen Gérard, Artigas, Salagnac und Federico Sanchez agitiert er Anfang der Sechziger Jahre gegen Franco, schürt besonders in spanischen Universitätszirkeln den Aufruhr gegen den Diktator; ihm hat er flammenden, fast an Selbstmord grenzenden Widerstand angesagt. In der lange Jahre für Spanien entscheidenden Frage, ob man das Franco-Regime durch organisierten Widerstand von innen oder durch öffentlichen Druck von außen demontieren könne, hat sich Semprún immer für die Rolle des konspirativen Akteurs entschieden. Die Behauptung des Einzelnen in einem System von Unfreiheit und Unterdrückung ist sein großes literarisches Thema geblieben. Und in seinen Drehbüchern zu den Filmen „Der Krieg ist vorbei“ und „Z“ verkörpert es sein Freund Yves Montand. Über seine Gefangenschaft im Konzentrationslager berichtet er in dem Roman “Die große Reise“; in seinem 1978 erschienenen Buch „Die Autobiographie des Federico Sanchez“ setzt er sich kritisch mit den Erfahrungen der kommunistischen Parteiarbeit auseinander, rechnet schonungslos mit den stalinistischen Praktiken Santiago Carillos ab, der 1964 den Parteiausschluß des „ketzerischen“ Politbüro-Mitglieds betrieb.

„Für mich gibt es kein unschuldiges Gedächtnis mehr“, sagt er heute, nachdem er seine radikalen, aufsässigen Jahre längst hinter sich hat. Äußerst skeptisch beurteilt er die europäische Linke. Er hat ihr radikalen Extremismus vorgeworfen und mangelnde Kohärenz zwischen Theorie und Praxis. Doch bei aller Kritik hat er die traditionelle Heimat nicht verlassen. Er war im Umkreis eines dogmatischen Kommunismus einer der ersten liberalen Erneuerer und vertritt nun eine leicht schillernde „operative Utopie“. Immer wieder, fast leidenschaftlich fordert er, daß man sich besonders in Spanien ein historisches Denken anzueignen habe. „Die größte Gefahr für Spanien wäre eine neue Einsamkeit oder die Unfähigkeit, sich einem modernen Europa zu öffnen.“