Reformer aus der Partei sprechen mit der Opposition über einen "Antikrisenpakt"

Von Helga Hirsch

Warschau, im Juli

Bei seinem Besuch in Polen hat Michail Gorbatschow immer wieder betont, sowjetische Perestrojka und polnische Odnowa folgten denselben Zielen. Doch wer die großen Worte mit der Wirklichkeit konfrontiert, wird die Unterschiede mindestens so hervorstechend finden wie die Parallelen. Die Umgestaltung läßt die nationalstaatlichen Traditionen in Osteuropa deutlicher als bisher hervortreten.

Demokratisierung in der Sowjetunion bezieht sich vor allem auf die Kommunistische Partei – wie sie ihre verknöcherten Strukturen auflösen und einen begrenzten Pluralismus in den eigenen Reihen verwirklichen kann. In Polen hingegen ist der Ruf nach mehr Demokratie der Ruf nach Legalisierung der Opposition und ihrer Beteiligung an der Regierung des Landes.

Doch ist es überhaupt möglich, daß Kommunisten zugunsten des Gemeinwohls Macht an Nicht-Kommunisten abtreten und eine Koalition von Reformanhängern aus beiden Lagern ermöglichen? Kann Perestrojka mit dem Machtmonopol der Partei eines der bisher heiligsten Dogmen des Kommunismus so weit durchlöchern, daß Systemgegnern Entscheidungsgewalt übertragen wird?

Diese Fragen haben neue Aktualität gewonnen, seit Mitglieder der polnischen KP vor einigen Wochen das Angebot von Oppositionellen aufgriffen, über die Möglichkeiten eines Antikrisenpaktes zu diskutieren.