Begonnen hatte es Anfang 1988: In einem Interview mit der undogmatischen Zeitschrift Konfrontacje erklärte der Solidarnosc-Berater Bronislaw Geremek, die Situation im Land sei dramatisch. Wirtschaftlich gehe es immer weiter bergab, und in der Gesellschaft wie bei den Herrschenden wüchsen Hilflosigkeit und Frustration. Selbst im Regime gehe man von einer strukturellen Krise aus. Um aus der Sackgasse herauszukommen, lautete der Vorschlag Geremeks, sollten unabhängige Kräfte an der Machtausübung beteiligt werden. Außen- und Verteidigungspolitik sowie innere Sicherheit könnten weiterhin im Verantwortungsbereich der KP bleiben, doch im wirtschaftlichen und sozialen Leben sei das Machtmonopol abzuschaffen. Geremeks Fazit: "Die Aktionsfelder des Staates müssen eingeschränkt und die bürgerlichen Freiheiten erweitert werden."

Der Zensurbehörde erschien das Interview immerhin so brisant, daß sie es erst nach mehreren Wochen freigab – ergänzt um die Antwort eines führenden Parteipublizisten, der das Angebot selbstverständlich ablehnte. Welche Umstände hätten die Partei auch zum Einlenken bewegen sollen? Die Regierung hatte zwar im Referendum vom letzten Herbst für ihr Reformprogramm keine Mehrheit erhalten, doch Apathie und politisches Desinteresse ließen die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht als bedrohlich erscheinen. Das änderte sich schlagartig im Mai. Mit spontanen Streiks meldeten sich in Nowa Huta und Danzig junge Arbeiter zu Wort, die sich der Staatsräson nicht beugen wollten. Sie hielten nicht still, weil das übergeordnete nationale Interesse es angeblich erforderte. Sie akzeptierten auch die Spielregeln der Solidarnosc-Generation von Dialog und Gewaltfreiheit nicht, selbst wenn sie damit die Konfrontation riskierten. Sie waren weder durch vage Versprechen noch durch materielle Zugeständnisse zu besänftigen, für Lohnerhöhungen, die nach wenigen Wochen von einer Inflationsrate zwischen 50 und 70 Prozent aufgefressen sein würden, wollten sie sich nicht kaufen lassen. Diese Arbeiter sind bereit, aufs Ganze zu gehen, denn sie wissen, wenn sich ihre Lage nicht drastisch verbessert, bleibt ihnen nur die Alternative zwischen Resignation oder Emigration. Schon jetzt verlassen Hunderttausende das Land für immer.

Die elementare Kraft der Ausbrüche erschreckte die Partei. Sie war mit einer "herrenlosen Generation" konfrontiert, die ohne Bereitschaft zu Kompromissen auf Sieg oder Niederlage setzte. Der Politologe Mariusz Gulczyński sah sein Land schon in "permanenten Zusammenstößen zwischen Polizisten und Rebellen" untergehen: "Die Losung dieser Rebellen ist der Sturz des Systems, und sie haben keinerlei Vorstellung, was auf den Ruinen entstehen soll."

Beschleunigte Reform notwendig

Der Schock zeigte Wirkung. Die Reform sei bisher zu oberflächlich gewesen, sie müsse endlich "radikal" durchgeführt werden, betonten alle Reformer in der Partei. In der Wirtschaft gelte es, die Lobbyisten der Schwerindustrie und des zentralen Plans zurückzudrängen, die alten staatlichen Monopole zu zerschlagen, die Effektivität zum entscheidenden Investitionskriterium zu machen, mehr Markt, mehr Konkurrenz, mehr Privatinitiative zu erlauben, kurzum: die Wirtschaft zu modernisieren.

Doch damit endet der Konsens unter den Reformern bereits. Denn während die einen glauben, diese wirtschaftliche Liberalisierung müsse durch größere demokratische Freiheiten ergänzt werden, halten die anderen politische Freizügigkeit für einen Hemmschuh der Entwicklung. Der Zusammenhang zwischen Demokratisierung und wirtschaftlichen Effektivität sei keineswegs erwiesen, hatte der Publizist Daniel Passent in der Wochenzeitschrift Polityka schon zuvor geschrieben und Südkorea, Brasilien und, Südafrika als Beispiel für seine These – und als Vorbild für Polen – genannt. Da eine autokratische Macht kurzfristig wirksamer als eine demokratische zu handeln vermöge, propagierte er die Losung vom "freien Markt mit einer starken Polizei". Danach werden Oppositionelle nur dann im öffentlichen Leben akzeptiert, wenn sie sich in "Konsultationsräte" kooptieren lassen, die allein zur Beratung von Entscheidungsgremien geschaffen wurden und außerdem unter Kontrolle der Partei stehen. Dieser Richtung steht auch der frischgebackene ZK-Sekretär Mieczyslaw Rakowski nahe.

Der andere Reformflügel will den alten "administrativen" durch einen "humanistischen Sozialismus’ ablösen. Mariusz, Gulczyński unterstützte ausdrücklich den Antikrisenpakt und schlug vor, die Opposition zu legalisieren und mehrere Weltanschauungen anzuerkennen. Nur wenn sich die wirklichen Reformanhänger zusammenschlössen, bestünde die Chance, die Dogmatiker in der Partei und die "unverantwortlichen Rebellen" in der Gesellschaft zu neutralisieren und gleichzeitig die bis jetzt apathische Bevölkerung zu einer konstruktiven Haltung zu bewegen. Als prominente Fürsprecher dieser Variante traten auch das Politbüro-Mitglied Josef Czyrek und der Vorsitzende der Patriotischen Bewegung (PRON) Stanislaw Ciosek auf: Erstmals seit Solidarnosc-Zeiten gingen Parteivertreter wieder auf Dialogangebote der Opposition ein, der Widerspruch zwischen "Macht" und "Gesellschaft" schien nicht mehr antagonistisch. Ende Juni kam es zu einem Sondierungstreffen in der Warschauer Universität. Für die Opposition nahmen neben Bronislaw Geremek die katholischen Intellektuellen Andrzej Stelmachowski und Andrzej Wielowiejski, der Ökonom Ryszard Bugaj und der Historiker Jerzy Holzer daran teil. Unter den Parteiintellektuellen befanden sich der Politologe Mariusz Gulchyński, der ehemalige Arbeitsminister Antoni Rajkiewicz und der Sejm-Abgeordnete Ryszard Wojna. In der Beurteilung der Lage war man sich erstaunlich einig. "Zu 90 Prozent stimme ich mit der Wirtschaftsdiagnose von Bugaj und Wielowiejski überein", erklärte Rajkiewicz, und Holzer wunderte sich, wie genau die Parteivertreter über die brodelnde Unzufriedenheit informiert waren.