Doch aus der Analyse folgten noch keine Lösungen. Die Opposition beharrt auf der Legalisierung von Solidarnosc als einer Conditio sine qua non für den Antikrisenpakt. "Das kann meines Erachtens nicht einmal eine Forderung sein, denn Solidarnosc existiert", meint Geremek dazu. "Jeder, der in den Kategorien von Verständigung denken will, muß das zur Kenntnis nehmen." Außerdem: Wen sollten unabhängige Vertreter im Sejm, dem polnischen Parlament, denn überhaupt vertreten, wem verantwortlich sein, wenn es keine Organisation, sondern nur eine diffuse Masse gibt? Oppositionelle Sejm-Abgeordnete ohne organisatorischen Rückhalt wären nicht mehr als ein Feigenblatt für die Liberalisierung von oben, da sie keine Kraft hätten, etwas durchzusetzen. Wahr ist: Wenn überhaupt eine Organisation im Land noch imstande sein sollte, die radikalen jungen Arbeiter und Studenten zu binden und auf einen Kurs des Dialogs zu verpflichten, dann ist es Solidarnosc. Diese in ihren Untergrundstrukturen zerfallene Gewerkschaft verkörpert in dem an Symbolen so reichen Polen noch immer oder schon wieder die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. "Keine Freiheit ohne Solidarnosc", skandierten die Streikenden der Danziger Lenin-Werft, obwohl sie sich keiner Gewerkschaftsdisziplin gefügt hätten.

Kein Kompromiß in Sicht

Die Parteivertreter hingegen lehnen jeden Gewerkschaftspluralismus mit dem fadenscheinigen Argument ab, das Land könne sich angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage keine starke Interessenvertretung der Arbeiter leisten. Schon die offiziellen Gewerkschaften seien nicht mehr unter Kontrolle zu halten. Im Grunde aber fürchten sie eine landesweite Gegenmacht und möchten den Pluralismus auf Klubs und Vereinigungen beschränken. Eine Gesellschaft, die in lauter Interessengruppen zerfällt, läßt sich leichter zähmen. Und die geplanten Vereine (das entsprechende Gesetz soll im Herbst verabschiedet werden) würden vor allem Jugendliche und Intellektuelle erfassen, die Arbeiter als gefährlichstes Unruhepotential jedoch aussparen.

Noch ist unklar, ob die Parteireformer den Antikrisenpakt nur aufgriffen, um die Opposition auseinanderzudividieren und mit den "verantwortungsbewußten Kräften" die "Rebellen" und "Extremisten" niederzuhalten. Bis jetzt ist eine Spaltung zwischen Intellektuellen und Arbeitern nicht gelungen. Die Forderung nach Wiederzulassung von Solidarnosc hat sogar wieder mehr Anhänger gewonnen. Und Angebote der KP, doch eine christliche Partei – quasi als Ersatz für eine Gewerkschaft – zu gründen, hat der polnische Episkopat zurückgewiesen.

Hat der Antikrisenpakt also zum augenblicklichen Zeitpunkt eine Chance? Nein, für besonders realistisch würden, sie ihn nicht halten, pflegen die beteiligten Oppositionellen und Parteivertreter gleichermaßen zu antworten. Denn Staats- und Parteichef Jaruzelski, der als entschiedenster Gegner einer Legalisierung von Solidarnosc gilt, hat durch die ausdrückliche Unterstützung von Gorbatschow neuen Auftrieb erhalten. Gleichwohl wurden zwischen beiden Lagern dünne Fäden geknüpft, Fäden, die in der Vergangenheit nicht existierten und in der Zukunft als Rettungsseile funktionieren könnten, wenn die nächsten Streiks – mit denen alle rechnen und die alle fürchten – einen Kompromiß erzwingen.

Eine nationale Verständigung, käme sie zustande, könnte Streiks und Aufstände vielleicht verhindern. Noch aber ist bei der Partei- und Staatsführung die Angst vor ihr stärker als die Einsicht in ihre Notwendigkeit. Denn eines ist nicht von der Hand zu weisen: Die Demokratisierung, einmal in Gang gesetzt, kann eine Eigendynamik entwickeln, die von oben nicht mehr regulierbar ist. Die Partei muß sich also entscheiden zwischen einer riskanten Perestrojka und dem weiteren anarchischen Niedergang des Landes. So steht die Alternative nun einmal.