Das Ereignis hat Seltenheitswert: Der Deutsche Bauernverband ist einmal rundherum mit einem Gesetz zufrieden – und ausgerechnet mit der Steuerreform. Der Präsident der Bauernlobby, Constantin Freiherr Heereman, verschickte Briefe an ein halbes Dutzend Finanzpolitiker der Bonner Koalition, um sich ausdrücklich zu bedanken. Ein solches Schreiben ging auch bei Franz Josef Strauß ein. Möglicherweise dachte Heereman dabei an einige Großbauern, die – dank steuerfreien Flugbenzins – künftig nach dem Willen des bayrischen Ministerpräsidenten mehr Spaß am Überfliegen ihrer Besitzungen haben sollen.

Die SPD läßt auch in der Sommerpause nicht locker mit ihrer Kritik an der Steuerreform. So monierte ihr Abgeordneter Joachim Poß: "Durch die Einführung des sogenannten linear-progressiven Tarifs kommt es keineswegs – wie von der Bundesregierung behauptet – zu einer dauerhaften Entlastung." Gegenteiliger Meinung ist Staatssekretär Hansjörg Häfele (CDU). Er versicherte vergangene Woche: "Die Dauerhaftigkeit des Einkommensteuertarifs 1990 besteht vor allem darin, daß die Grenzsteuersätze durchweg erheblich niedriger sind: Sie nehmen in weiten Bereichen auch langsamer zu... Einkommensverbesserungen werden also zukünftig erheblich geringer von der direkten Steuerbelastung erfaßt als bisher."

Wie so oft ist das ein Streit um Begriffe. Häfele hat recht; denn nach dem bisherigen Tarif wäre die Belastung eindeutig höher. Doch auch Poß hat recht, denn nach wie vor geraten die Bezieher von Löhnen und Gehältern immer weiter in die Progression, wenn sie mehr verdienen. Das Steuerpaket 1990 bringt eine Entlastung, aber schon 1992 liegt die Belastung wieder höher. Zeit also für die nächste Steuerreform?

Woher nehmen die Konjunkturforscher eigentlich den Mut, unbeirrt in die Ferne zu blicken und vorherzusagen, was auf uns zukommt? Noch vor einem halben Jahr malten sie fast alles schwarz in schwarz, jetzt sehen sie die Zukunft so rosig, daß einem fast schwindlig wird. Und keiner scheint sich zu fragen, ob die Zunft der Prognostiker nach ihren zahlreichen Flops nicht besser zugeben sollte, daß auch sie der Zukunft ziemlich ratlos gegenübersteht.

Das heißt: Martin Bangemann weiß einen Weg aus dem Dilemma. "Ich plädiere dafür", so der Wirtschaftsminister, "daß die Wirtschaft nicht wie gebannt auf die Konjunkturprognosen von Wissenschaft und Regierung schauen sollte, sondern daß jeder einzelne für sich die eigene Meßlatte höher als im Vorjahr legt. Dann wird am Ende des Jahres auch eine befriedigende Wachstumsrate herauskommen."

So einfach ist das also...

Nicht nur Prognosen sind oft Glückssache, das gilt auch für ihre Interpretation. Jüngstes Beispiel: der Deutschlandbericht der OECD. "Die OECD gibt Kohl schlechte Noten", so die Herald Tribune. "Die Bundesregierung wird zufrieden sein", hieß es in der Welt. Der Bonner General Anzeiger wußte: "Bundesregierung enttäuscht über die OECD-Prognose". Ulrich von Suntum, Generalsekretär des Sachverständigenrats, hielt sich in der Mitte: "Was... die Aussichten für 1988 betrifft, da glaube ich, daß die OECD gar nicht so falsch liegt." Ganz sicher war sich die CDU-Politikerin Christa Thoben: "Die SPD kann aus dem Report keinen Honig saugen." Die Sozialdemokraten machten erst gar nicht den Versuch. Sie bevorzugten wohl eine spannendere Ferienlektüre.