Von Theo Sommer

Zum ersten Mal seit vielen Jahren eröffnet sich die Chance, das Verhältnis zwischen Ost und West grundlegend zu verbessern. Nach dem Tauwetter, das Stalins Tod 1953 folgte, der Annäherung der beiden Großmächte im Gefolge der zweiten Berlin-Krise (1959/61) mitsamt der Kuba-Krise (1962) und den Hoch-Zeiten der ersten Entspannungsphase 1969-1972 beginnt jetzt eine vierte Epoche der Nachkriegszeiten – eine Phase, welche die Wendung bringen könnte von der konfrontativen zur kooperativen Koexistenz.

Sicherlich weiß niemand genau, wie groß die Chance wirklich ist. In mancherlei Hinsicht liegt Ungewißheit über dem Horizont. Die erste Ungewißheit hat mit Michail Gorbatschow zu tun. Er verkörpert die Sowjetmacht in höherem Maße als irgendein Kremlführer seit Stalin. Er versucht, die träge Wirtschaftsmaschinerie seines Landes in Gang zu bringen. Er hat dem alten Dogma abgeschworen, daß ein Krieg zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus unausweichlich sei; die Nachkriegszeit betrachtet er nicht länger als Vorkriegszeit. Er hat eingesehen, daß die Sicherheit der Sowjetunion und die Sicherheit der anderen Mächte unauflöslich miteinander verknüpft sind; totale Sicherheit für eine Macht bedeutet – dieses räumt er unumwunden ein – totale Unsicherheit für alle anderen. Er redet ohne Scham über die wirtschaftliche Verflechtung aller Staaten in der modernen Welt. Er spricht klug und einfühlsam über die Herausforderungen der Zukunft: Umwelt, Bevölkerungsexplosion, Unterentwicklung, Energieversorgung. Zu den Menschenrechten hat er eine weit offenherzigere Einstellung als alle seine Vorgänger, auch wenn da noch vieles zu wünschen übrigbleibt. Er predigt Mäßigung in der Außenpolitik und scheint bereit zu sein, solche Predigten in praktische Politik umzusetzen. Er wagt sich auch in der Gedankenwelt der Militärs auf neues Gelände vor. Und er ist undogmatisch: "Wir stochern gleichsam mit der Stange im Nebel", bekannte er vor dem letzten Parteikongreß. Ideologie? "Laßt die Geschichte entscheiden, wer recht hat", ist seine Einstellung.

Die beunruhigende Frage ist: Wieviel würde von Gorbatschows Politik überleben, wenn er gestürzt oder beiseite gedrückt würde? Manche Fachleute argumentieren, jeder seiner Nachfolger müsse notgedrungen ein Gutteil seines Programms übernehmen; die Sachzwänge ließen niemandem eine Wahl. Andere freilich befürchten, daß er, würde er aus dem Kreml vertrieben, wahrscheinlich wieder grimmigen Jung-Gromykos und eisenfressenden Marschällen weichen müßte, von denen der Westen nichts Gutes zu erwarten hätte. Schwer zu beurteilen, wer da recht hat. Bliebe Gorbatschow länger am Ruder, so würde er mit Sicherheit nicht nur die Denkungsart der Russen verändern, sondern auch ihre Verhaltensweise auf der Weltbühne und ihre außenpolitischen Zielsetzungen. Diese Veränderung im Denken könnte den Westen hoffen lassen. Ein Rückfall in die Betonpositionen der Stalinzeit oder der Ära Breschnjew hingegen müßte sich fatal auswirken.

Die zweite Ungewißheit ergibt sich aus der politischen und wirtschaftlichen Lage in Osteuropa. Unruhe und Aufbegehren sind dort chronisch geworden. Dies gefährdet Gorbatschows Programm, aber auch die Chancen, das Ost-West-Verhältnis zu verbessern. Spontane Aufstände im Osten gegen die sowjetische Herrschaft und die kommunistische Unterdrückung haben die europäische Geschichte in den zurückliegenden 40 Jahren ja immer wieder auf dramatische Art und Weise interpunktiert. Die Gefahr neuerlicher Erhebungen ist keineswegs vorüber. Andererseits hat sich die Entschlossenheit der Sowjets, ihre Hegemonie über Osteuropa zu erhalten, bisher erkennbar nicht abgeschwächt. Weder der Rückzug aus Afghanistan noch die jüngste Belgrad-Deklaration können, schon verläßlich als Widerruf der Breschnjew-Doktrin ausgelegt werden (wenngleich sowjetische Sprecher letzthin immer wieder versichert haben, ein ungarischer November oder ein Prager August werden sich in keinem Fall mehr wiederholen). Solange hier nicht vollständige Klarheit herrscht, tut man wohl gut daran, von der Annahme auszugehen, daß Moskau im Notfall nicht zögern würde, die Rote Armee in Marsch zu setzen, um jede Rebellion innerhalb ihrer aufmüpfigen Einflußsphäre niederzukartätschen.

Aus diesen beiden Ungewißheiten steigt eine weitere Gefahr auf: Die Gefahr, wenn Gorbatschow stürzte oder eine Explosion im Ostblock ein sowjetisches Eingreifen auslöste, daß all jene im Westen wieder Oberwasser bekommen, denen es sowieso lieber wäre, einen Kreuzzug gegen die Sowjetunion zu führen, anstatt die Sowjets in das gewaltige Unternehmen wirklicher Entspannung hineinzuziehen. Wenn im Kreml aufs neue rabiate Ideologen ans Ruder kommen, würden auch im Westen wieder die Kreuzzügler das große Wort führen. Damit wäre die Chance vertan, den Trend der vergangenen 40 Jahre umzukehren; die Gelegenheit für eine fundamentale Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses wäre dahin.

Was aber, wenn es der Staatskunst gelänge, diese Klippen zu umschiffen? Wenn Gorbatschow sich halten könnte und Perestrojka und Glasnost sich wirksam entfalteten? Wenn der Kreml es fertigbrächte, zu den osteuropäischen Ländern eine "organische Beziehung" zu schaffen, ein Verhältnis – wie Helmut Sonnenfeldt es schon vor vielen Jahren sagte –, das nicht primär auf den Bajonetten der Roten Armee ruhte, sondern auf Kooperation; auf freiwilliger Zuordnung, nicht auf erzwungener Unterordnung?