Von Michael Schwelien

Wenn es keine gemeinsamen Ziele, keine Vision dessen gibt, was gut für das Volk ist, ist dann ein Sozialvertrag noch möglich?

Allan Bloom, Der Niedergang des amerikanischen Geistes

Wissen Sie, wie sie mich nennen?" fragt Michael S. Dukakis in Florence, South Carolina, den deutschen Reporter, dem er sich gerade vorgestellt hat. "Well, they call me Zorbas the clerk" – Zorbas, der Buchhalter. Der Kandidat, der große Chancen besitzt, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, hatte zu diesem Zeitpunkt schon 311 000 Meilen an Bord der gecharterten – reiner Zufall? – Presidential-Airways-Boeing hinter sich; bis zur Wahl im November werden es über 500 000 Meilen sein. Es war einer der heißesten Tage, den das Land je erlebt hat, aber doch war dem 54jährigen nicht eine Spur von Müdigkeit, gar Fahrigkeit anzusehen. Und so war das Wort vom Zorbas, dem Buchhalter, schon fast eine programmatische Erklärung en miniature: Zorbas, wegen der griechischen Abstammung, der Hinweis auf den alten amerikanischen Traum, der in Seinem Fall verheißt, daß auch der Sohn eines Einwanderers aus Lesbos das höchste Amt im Staate innehaben kann; aber eben nicht Alexis Zorbas, der Grieche, nicht der lebenslustige Versager Anthony Quinn, sondern eben Zorbas, der Buchhalter, der verspricht, den Staatshaushalt der Vereinigten Staaten wieder ins Lot zu bringen.

Denn eines läßt sich nach vier Wochen Reisen kreuz und quer durch Nordamerika, nach rund 50 Interviews, wie Dukakis vermutlich sagen würde, nüchtern bilanzieren: Die konservative Reagan-Revolution ist verebbt. Jene Welle, die an der Macht der Regierung zehrte, die zugleich den größten Militäraufbau in Friedenszeiten nach sich zog, und die dem Land eine pietistische Moral bescherte, ist gebrochen. Nach dem charismatischen "Teflon"-Präsidenten, dem keine Affäre, kein Skandal etwas anhaben konnte (nicht einmal die Iran-Contra-Affäre, weil es dem Kongreß nicht gelang zu beweisen, daß Reagan für den Waffenverkauf an die Mullahs verantwortlich war), scheinen die Amerikaner sich vorerst keinen Visionär als Präsidenten mehr zu wünschen, sondern einen Buchhalter – einen Manager, der das Handelsbilanzdefizit beseitigt und das Loch im Haushalt.

Nur: Reagans konservativ-visionäre Welle wird eine riesige Erblast hinterlassen, die seinen Nachfolger, wer auch immer er sein mag, zu erdrücken droht.

Der nächste amerikanische Präsident wird das größte Haushaltsdefizit aller Zeiten übernehmen: 230 Milliarden Dollar. Er wird mit 6,3 Millionen Armen konfrontiert werden und mit einer Arbeitslosenquote von 5,5 Prozent, in der weder jene fünf Millionen Bürger eingeschlossen sind, die nur Teilzeitbeschäftigung finden, noch jene 1 170 000, die als Langzeitarbeitslose nicht mehr registriert werden. Er wird eine verrottete Infrastruktur erben – kaputte Brücken, von Schlaglöchern zerfressene Straßen, ein marodes Wasser- und Abwassersystem –, die zu reparieren 51,4 Milliarden Dollar kosten wird. Er wird mit einer Bevölkerung zu tun haben, die 100 Milliarden Dollar im Jahr für illegale Drogen ausgibt – doppelt soviel wie für Öl. Derweil verdient jeder dritte Beschäftigte weniger als fünf Dollar pro Stunde, während die Regierung 8067 Dollar pro Sekunde für die Rüstung ausgibt.