Zu Füßen der goldenen, 3000 Jahre alten Schwedagon-Pagode in Rangun gibt es seit Jahren eine große Baustelle, auf der es an nichts zu mangeln scheint in diesem Lande, wo es an allem mangelt. Hier entsteht eine Pagode so prächtig, wie sie Birma seit langem nicht mehr gesehen hat. Bauherr: Ne Win, bis zum vergangenen Wochenende 26 Jahre lang als Vorsitzender der Sozialistischen Programmpartei unumschränkter Herrscher des Landes. Ne Win sorgt für sein nächstes Leben vor.

Sein überraschender Rücktritt – zu seinem Nachfolger wurde der General Sein Lwin gewählt, ein enger Vertrauter Ne Wins – und das Eingeständnis, an den zunehmenden Hungerunruhen selbst mitschuldig zu sein, sind ebenso revolutionär wie die Ankündigung von weitreichenden wirtschaftlichen Reformen. Privatbetriebe sollen dem abgewirtschafteten Land wieder auf die Beine helfen.

Vorbei ist es also mit dem bisherigen eigenen Weg zum Sozialismus, der immer länger wurde und immer schwerer, und auf den das geduldige Volk immer wieder von der allmächtigen Partei und der mit ihr weitgehend identischen Armee zurückgeprügelt wurde.

Nun begehrt das Volk auf, denn das Maß scheint voll zu sein. Birma erlebt gegenwärtig die vierte Runde blutiger Unruhen seit einem dreiviertel Jahr. Zum erstenmal in seiner Geschichte muß das Land, das einmal der größte Reisexporteur Asiens war, das Grundnahrungsmittel importieren. Die Frage ist nur, womit es den Reis bezahlen soll. Birmas Devisenkasse ist leer.

War es die Bankrotterklärung der Partei, die zur Wende führte, oder gar die Panik der Armee? Niemand weiß es in diesem geheimniskrämerischen Land. Möglich ist auch eine andere Erkärung. Der für die Reinkarnation Pluspunkte sammelnde Ne Win mag Bedenken bekommen haben, ob es allein mit dem Pagodenbau getan sein dürfte. Davon profitiert nun sein geschundenes Volk. G. V.