Von Rainer Knoche

In den Sommerwochen der vergangenen Jahre widmeten sich Österreichs Zeitungen vorwiegend so drängenden Fragen, ob die Urlauberscharen aus Deutschland planmäßig eingetroffen sind, ob sie Glück mit dem Wetter haben, sich auch wohl fühlen und ob im Herbst die Devisen-Ernte gut ausfallen wird.

In diesem Jahr gibt es eine andere deutsche Invasion zu erörtern, die den Österreichern jedoch die Ferienstimmung vergällt: Deutsche Großverlage drängen auf den österreichischen Markt. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) mit Sitz in Essen kaufte sich zu jeweils 45 Prozent in die zwei auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes ein, in die Neue Kronen-Zeitung und den Kurier. Der Hamburger Springer-Verlag will ein neues, anspruchsvolles Projekt an den Markt bringen, das tägliche Wirtschaftsblatt, das im Herbst in Wien erstmals erscheinen soll. Auch der Heinrich Bauer-Verlag versuchte, den Fuß in die Tür zu bekommen. Das Klatsch-Imperium experimentiert mit Anzeigenblättern und schlug vorerst bei einem Wochenblatt zu, dem kleinen Wiener Gratis-Anzeiger Bazar.

Seit sich die großen deutschen Medienkonzerne auf dem österreichischen Zeitungsmarkt umtun, sorgen sich Politiker um das Kartellrecht und Intellektuelle um die Meinungsvielfalt. Einige etablierte Verleger sehen schon ihre Existenz bedroht. Aufgeweckte Jung-Unternehmer träumen dagegen von einer Gründerzeit, Journalisten von höheren Gagen. Ein vermeintlicher Medien-Anschluß an Deutschland rüttelt am Selbstverständnis der Republik. Zeitungen, Funk und Fernsehen berichten fast täglich über das, was Hans Dichand, der Zeitungskaiser von Wien, schon im Vorjahr prophezeite: "In dieser Branche wird kein Stein auf dem anderen bleiben."

Tatsächlich haben WMZ-Engagement und Springer-Pläne jede Menge Zündstoff geliefert. Plötzlich scheint es den lokalen Zeitungsmachern zu dämmern, daß im Geschäft um Leser und Anzeigen noch große Gewinne stecken. Immerhin wachsen die Werbeaufwendungen der Wirtschaft jährlich um über zehn Prozent – im Vorjahr lag die Summe aller Etats bei rund 8,2 Milliarden Schilling, etwa 1,2 Milliarden Mark. Die Printmedien zählen dabei zu den größten Nutznießern. Neben den Tageszeitungen erlebten vor allem Illustrierte und Magazine einen Boom. Ihre Einnahmen aus Inseraten wuchsen um immerhin 24 Prozent. Die Lust deutscher Verleger, ihr Kapital in Österreichs Medienszene anzulegen, nehmen die Einheimischen nun zum Anlaß, über die eigenen Erzeugnisse nachzudenken, Modernisierungen zu planen und ihre Konkurrenzfähigkeit zu verbessern.

Treibende Kraft dieser Entwicklung sind die WAZ-Geschäftsführer Erich Schumann und Günther Grotkamp, die sich vor einem knappen Jahr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit Kronen-Zeitungs-Besitzer Hans Dichand einigten. Dichand kassierte 1,6 Milliarden Schilling (230 Millionen Mark) von seinen neuen Partnern, legte weitere 500 Millionen Schilling (70 Millionen Mark) drauf und konnte so seinen verhaßten langjährigen Kompagnon Kurt Falk auszahlen. Doch zur beispiellosen Medienkonzentration, wie sie derzeit die Gemüter erregt, kam es erst im Frühjahr dieses Jahres. Der "Super-Deal" der WAZ brachte im Februar auch einige neugierige und kooperationswillige Kurier-Manager mit den Essener Zeitungsmanagern an den Verhandlungstisch. Mitte März stand im Tausch gegen weitere 800 Millionen Schilling (115 Millionen Mark) schließlich "der Mega-Deal" fest: Die Macht über Österreichs größten und zweitgrößten Tageszeitungsverlag teilen sich seither neben einem Schwarm an konservativen Kurier-Mitbesitzern" der Verleger Hans Dichand und die deutschen Macher von der Ruhr.

Die Macht des neuen Medienverbundes spiegelt sich in Zahlen wider: Die Kronen-Zeitung erreicht sei einer täglichen Auflage von gut einer Million Exemplaren fast 2,5 Millionen Leser. Der Kurier spricht bei einer Tagesauflage von rund 155 000 Stück fast eine Million Leser an. Zusammen haben die großen Zwei einen Anteil von über sechzig Prozent an der österreichischen Tagespresse.