Das Utopische hatte in der Luft gelegen, damals: Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Monarchie gestürzt, das alte Zeitalter begraben, das Entsetzen über die Vernichtungsmaschinerie des Krieges und das Elend waren unübersehbar. Die Sehnsucht nach einer endlich anderen Welt in der alten Welt war groß, man träumte vom befriedeten, aufgeklärten, dem Optimismus wiedergewonnen, kurzum vom "neuen Menschen" in einer neuen Gesellschaft inmitten einer gereinigten Umwelt. In Berlin hatten sich Avantgarde-Architekten zur "Gläsernen Kette" zusammengeschlossen und abenteuerliche poetische Visionen entwickelt. In Weimar hatte Walter Gropius das Bauhaus gegründet und eine ganz andere, viel umfassendere Utopie im Sinn, eine, in der alle Künste, die freien ebenso wie die angewandten, sich miteinander dem "neuen Menschen" nützlich machen, wenn nicht gar ihn (mit) erziehen sollten. Präziser formuliert bestand "die schöpferische Utopie des Bauhauses... darin, unbeirrt die Realisation zu suchen und durch gemeinsame Arbeit das für richtig Erkannte in die Realität umzusetzen".

Dieser Satz von Wulf Herzogenrath steht in der Präambel einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein – und eines ungleich ausführlicheren Buches –, welche eben dies, "bauhaus Utopien", vor Augen zu führen und zu ergründen versuchen.

"Das Wort Utopie", erinnerte sich später Lothar Schreyer, "geisterte seit einiger Zeit durch das Bauhaus und alle in Weimar, die mit dem Bauhaus in Berührung kamen." Und so habe man sich auch geängstigt, "inwieweit das Bauhaus Wirklichkeit sein könnte und wieweit es eine Utopie bleiben müsse. Schließlich ist Utopie die Konstruktion einer Idee, deren Verwirklichung der Außenstehende von vornherein für unmöglich hält". Freilich, Utopien sind Utopien und der Verwirklichung grundsätzlich entzogen, Denkmodelle, denen nachzueifern dann und wann notwendig wird – wie damals das Bauhaus.

Waren die Ideale auch "so hoch gesteckt, damit man die Sterne herunterholen konnte", waren die Probleme gleichwohl ganz diesseitig. Und so wären die Künste dem "neuen Menschen" nur dienlich, wenn sie bereit und imstande wären, an einer menschenwürdigen Umwelt mitzuwirken. Deshalb heißt es auch ganz konkrekt: "Die von den Materialien und den Funktionen ausgehende Gestaltung sollte dem neuen Menschen zugute kommen, der zu schöpferischer und spielerischer Beteiligung aufgefordert war."

Tatsächlich eiferte das Bauhaus diesem Ideal nicht schwärmerisch nach, sondern bemerkenswert sachlich, analytisch, rational, denkend, und das in allen Disziplinen, in der bildenden Kunst ebenso wie in der Architektur. Intuition und Verstand waren dabei aufeinander angewiesen, keines ohne das andere möglich. Bauhausmeister, Werkstättenleiter und Studenten hatten bei ihren Höhenflügen immer die Realität unter sich im Auge. Ging es auch um Kunst, so ging es doch auch um Ökonomie, Konstruktion, wissenschaftliche Durchdringung, Fertigungstechnik, niedrige Preise. Der Ehrgeiz, dabei neuen Formen auf die Spur zu kommen, aber auch neuen Lebensweisen, war groß. Die freien Künste suchten sich das Rüstzeug ihrer Phantasie in der Natur, ihren Gesetzen, der Wissenschaft. Der Verstand sollte vorbereitet sein für das Abenteuer der Phantasie – im Dienste einer neuen Umwelt in einer aufgeklärten, vernünftigen Zukunft.

Über all dies unterrichtet das Buch mit dem Titel "bauhaus Utopien". Der Untertitel "Arbeiten auf Papier" lenkt die Aufmerksamkeit dabei fast ein bißchen verschämt auf die Ausstellung, in der alles sinnbildlich werden soll. Sie war, vom Auswärtigen Amt in Auftrag gegeben, zuerst in der Nationalgalerie Budapest, dann im Centro de Arte Reina Sofia in Madrid zu sehen und wird nun, leider unverändert, im Kölnischen Kunstverein gezeigt: nicht, wie der dicke Katalog suggeriert, eine weitläufige, das Auge verwirrende Vorführung, sondern eine kleine kompakte Versammlung von "Arbeiten auf Papier", von Bildern, Zeichnungen, Skizzen, Photographien, Collagen, pädagogischen Blättern und so weiter.

Das Buch ist der Versuch, das Thema mannigfaltig zu ergründen und das Utopische in allen Sparten dingfest zu machen – aber man merkt, wie unmöglich es war, seiner auch wirklich habhaft zu werden, gleich, ob es sich um die Betrachtung von Personen, pädagogischen Einrichtungen oder Disziplinen handelt. Die Ausstellung hingegen ist nichts als eine normale Ausstellung von Bauhaus-Arbeiten. Kennte man nicht den Titel, erführe man – von einer knappen Einführung abgesehen – nichts von den beschworenen Utopien. Sie ist anregend, ganz ohne Zweifel, weckt natürlich genießerisches Staunen und Wiedersehensfreude, aber daß sie die "Utopien" des Bauhauses vor Augen führe, ist einfach nicht wahr. Nirgendwo ein Versuch, mit drei oder fünf Sätzen auf den utopischen Gesichtspunkt eines Bildes, einer Reihe von Bildern – etwa denen von Klee oder Kandinsky –, theoretischen Erörterungen – sagen wir: Ittens berühmten Vorkurs –, einer Skizze – wie Schlemmers Bauhaustreppe –, einer Photographie hinzuweisen oder, allgemeiner, der Bauhaus-Photographie, der Bauhausmalerei, der Bauhausarchitektur. Nirgendwo auch nur eine winzige Hilfe, um das Thema wenigstens beim Zipfel zu fassen zu kriegen. Und so gibt es auch keinen Wegweiser, man rutscht von einer Abteilung in die andere und weiß nicht recht, wieso.