Das "stahlharte Gehäuse der Hörigkeit", so beschreibt Max Weber die gesellschaftliche Konstellation, auf die die westliche Zivilisation unerbittlich zusteuert. Das poetische Wort des sonst so nüchternen Wissenschaftlers bezeichnet die Endstation des säkularen Entzauberungsprozesses der Moderne: ein zweckrationales, über die Medien Geld und Macht kommunizierendes System, das sich von der konkreten Lebenswelt der Menschen abgelöst hat und diese nun für seine Zwecke benutzt— menschliches Produkt und zugleich Dämon, über den wir endgültig die Kontrolle verloren haben., Wie Marionetten läßt dieses System die Individuen zappeln, indem es als ihre Interessen ausgibt, was seiner Erhaltung dient. Die unsichtbaren Drähte sind die Sachzwänge, die um so freudiger exekutiert werden, je mehr sie als individuelle Entscheidungen mißdeutbar sind. Das Sachzwanggeflecht enthüllt sich aber in dem Moment, in dem noch nicht einbezogene Bereiche in seinen Sog geraten, in dem sich Entwicklungsländer in das globale Netz der Industrienationen eingliedern., Struktur und Dynamik dieses Prozesses der Unterwerfung unter die Sachzwänge konstruiert eine neue Studie am Beispiel Brasiliens:

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Der Versuch einer Nation, sich dem Weltmarkt zu öffnen, hat aus der Sicht des marxistischen Ökonomen nur dann eine Chance, wenn er sich an den fortgeschrittensten Formen des Kapitalismus orientiert. Es muß also einerseits eine moderne Industrie aufgebaut werden; andererseits müssen politisch ökonomische Institutionen entstehen, die für genügend hohe Löhne sorgen, damit die produzierten Güter auch abgesetzt werden können. Ein solcher Modernisierungsschub kann aber nicht aus eigener Kraft gelingen; hohe Kredite aus den Industrieländern sind notwendig, deren Zinsen und Tilgung wiederum alle erwirtschafteten Überschüsse verschlingen und für die Steigerung der Massenkaufkraft nichts übriglassen — für Altvater ein "pathologischer Mechanismus", der, was erreicht werden soll, gefährdet, wenn nicht gar verhindert.

In derart pessimistisch getöntem Kontext eingeführt, läßt Altvater nun die Hauptakteure seines theoretischen Panoramas die Szene betreten: den Weltmarkt, die Nationen und ihre Regionen. Von der Nation aus gesehen, hat der Kandidat für seinen Weltmarktanschluß erhebliche innere Umwälzungen in Kauf zu nehmen: Er ist gezwungen, sich auf allen Gebieten den anderen Regionen anzugleichen und sich zudem vollständig in die nationale politische Hierarchie einzuordnen, eventuell sogar Entwicklungsprojekte für den Erhalt der Zentralmacht mißbrauchen zu lassen. Unter dem ökologischen Blickwinkel der tionen mit der beschleunigten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen (etwa der sagenhafte Reichtum Amazoniens) zu bezahlen. Die Konsequenzen sind tiefgreifend: Die Erschließung des Landes und die Urbanisierung lassen die konkret gewachsenen Räume und die spezifischen, an natürlichen Rhythmen haftenden Zeiten nicht unberührt; gewaltsam wird ihnen ein einheitlich abstrakter Raum und eine universelle, gleichförmig strömende Zeit übergestülpt.

Am teuersten kommt die Entwicklungsländer das Eintrittsbillet in die Kreise der Reichen und Mächtigen unter der Perspektive des Weltmarkts zu stehen, da es die Einpassung in die zyklischen Bewegungen der Konjunktur nach sich zieht. Die bislang letzte lange Welle stabilen Wachstums endete in den Krisen der achtziger Jahre. Sie sind nach Altvater Ausdruck der Tatsache, daß die politische Regulierung der Weltwirtschaft durch die USA am Ende ist; sie kapituliert vor dem Ansturm der gigantischen Kapitalmassen, die durch die Wachstumsschwäche der Industrienationen nicht mehr in der Produktion gebunden werden, sondern, mit Hilfe der großen Banken um den Erdball vagabundierend, ein Eigenleben entfalten. Diese Abkopplung der monetären von der realen Seite der Ökonomie hat für die Schwellenländer die "Zinsfalle" einschnappen lassen: Gelingt ihnen mit der massenhaft verfügbaren Liquidität die Industrialisierung, kann der wachstumsschwache Weltmarkt die hergestellten Produkte nicht aufnehmen, mißlingt sie, wächst ihnen der Schuldendienst über den Kopf. Die fatale Folge: Trotz Kapitaltransfers steigt die Verschuldung gegenüber dem Ausland, wegen des Kapitaltransfers wächst die Verelendung im eigenen Land.

Welche Optionen stehen den Entwicklungsländern noch offen? Eine grundsätzliche, allerdings in weiter Ferne liegende und entsprechend unscharf konturierte Lösung hat Altvater anzubieten: eine neue Weltwirtschaftsordnung, die an die Stelle kapitalistischer Profitmaximierung neue Kriterien setzt: "Entwicklung und Fortschritt, Kampf gegen Elend und Hunger sozialer Konsens und politische Legitimation Für den Hausgebrauch aber fällt ihm nur die Empfehlung an die Entwicklungsländer ein, sich zwischen vollständiger Öffnung und totaler Isolation gegenüber dem Weltmarkt durchzulavieren — ein ziemlich klein