Von Dieter Schlesak

In Rumänien geschieht Unglaubliches: Der Staats- und Parteichef, der bisher mit Hilfe seiner Geheimpolizei das Land in einen permanenten Belagerungszustand versetzt hatte, hat nun auch der Bevölkerung den Krieg erklärt; von den 13 000 Dörfern sollen 8000 ausgelöscht werden, einschließlich der Kirchen und Friedhöfe. Die Bevölkerung, es handelt sich um Millionen, wird physisch noch verschont, aber mit Kind und Kegel, Vieh und Gerät in (noch zu bauende) orwellsche Betonburgen ("agrarindustrielle Zentren") "umgesiedelt". Und das alles in höchster Eile – in den nächsten drei Jahren.

Man meint zu träumen. So etwas gab es bisher noch nicht. Der große Feldherr, der schon lange Krieg gegen sein eigenes Land führt, wird ‚ in die Geschichte eingehen. Ceauşescu Nicolae, der zerstören und hungern läßt; der den langsamen psychischen Tod einer ganzen Nation auf dem Gewissen hat; der der Hauptstadt Bukarest schon sein Tabula-rasa-Talent bewiesen hat: Das historische Zentrum ist ein Schutthaufen, wie nach einem Bombenangriff, Leerplatz für seinen Prachtpalast. Die Bevölkerung nennt diesen Ort des "genialen Führers": Hiroschima.

Achttausend Dörfer, darunter eintausend deutsche und ungarische, sollen nun gleichfalls in solch eine Nullzone verwandelt werden, in Orte der Traditions- und Gedächtnislosigkeit. Man kennt solche Auslöschung aus dem Krieg als "Strafaktionen"; der "geniale Führer" schafft’s auch im Frieden, gegen die eigene Bevölkerung – mit allen Symptomen des Krieges: Hunger, Lebensmittelkarten, Schlangestehen, Dunkelheit, Frieren, Versorgungsnot, Säuglingssterben, Gebärzwang, Durchhalteparolen, Zensur, Abschaffung der Kultur. Feinde ringsum.

Kein Zweifel, unter gewissen Umständen können Männer Geschichte machen. Die Umstände heute sind das Scheitern der sozialistischen Utopie, ja, das Scheitern jeder Utopie. Das kann zu Selbstbesinnung führen, zum mutigen Umwandlungsprozeß, wie Gorbatschow ihn versucht, oder zum trotzigen Aufstampfen in Rumpelstilzchenmanier, wie Ceauşescu es vorführt. Aber bei ihm zeigt sich, wie gefährlich die neue Normalität, die Aufhebung des permanenten Ausnahmezustandes durch das Gleichgewicht des Schreckens der Großmächte sein könnte. Die alten, die "normalen" Konflikte brechen auf. So nun jenseits jeder Freundschaft unter "Genossen" die ungarisch-rumänische Feindschaft wegen Siebenbürgen, wo zwei Millionen Ungarn leben. Der "geniale Führer" baut ihre und die Rechte der Deutschen ab.

Seit einiger Zeit nimmt die Weltöffentlichkeit endlich Kenntnis von der polizeistaatlichen Innenpolitik dieses Stars außenpolitischer Extravaganzen, der Moskau unter westlichem Applaus auf der Nase herumtanzte und als großer Vermittler auftrat. Jetzt aber ist plötzlich ein Gegner gar nicht mehr da. Wie lebt man weiter ohne das Alibi eines Feindbildes, mit dem jeder Wahnsinn gerechtfertigt werden konnte? Erklärt nun Ceauşescu Ungarn den Krieg? Das ungarische Konsulat in Klausenburg wurde schon geschlossen. Und Ungarns Magyaren und Szeklern in Siebenbürgen werden ihre Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die Bevölkerung soll entwurzelt, ihre Sprache, ihre Bräuche, fast eintausend Jahre alt, sollen zerstört werden.

Ebenso soll es vielen deutschen Siedlungen ergehen, die eine über 800jährige Geschichte haben, mit ihren in Europa einmaligen Kirchenburgen, Türmen, den in Reih und Glied stehenden alten fränkischen Häusern und Höfen der Straßendörfer. Sie sind Zeugen einer alten, ständisch-demokratischen Gemeinschaft, die Lenin zum Studium empfohlen hatte, weil dort zum ersten Mal in der Welt allgemeine Schulpflicht eingeführt worden ist. Hier ist eine eigenständige Kultur entstanden mit Literatur, Musik, Theater, Zeitungen, Zeitschriften, Genossenschaften, Druckereien. Auch das erste rumänische Buch wurde hier gedruckt. Der deutsche Dichter Martin Opitz, der 1622 ein Jahr lang in Siebenbürgen gelebt hatte, nannte diese Gesellschaft "germanissimi germanorum", Leibniz regte ein großes Wörterbuch ihres moselfränkischen Dialektes an, an dem noch heute gearbeitet wird.