Mit Elan in den Wahlkampf: Michael Dukakis appelliert an die Vernunft der Amerikaner

Von Dieter Buhl

Atlanta im Juli

Die kurze Szene blieb weitgehend unbeachtet, ein Schemen in den bilderreichen Tagen des Konvents, und doch könnte sie einen Schlüssel liefern zum besseren Verständnis des weithin unbekannten Hauptdarstellers. Als Michael Dukakis am Morgen vor der wichtigsten Rede seines Lebens das Podium der Parteitagshalle begutachtete, pfiff er plötzlich vergnügt vor sich hin. Nur ein paar Takte lange spitzte er den Mund zu einer fröhlichen Melodie. Aber der Augenblick der Selbstvergessenheit genügte, um den unerwarteten Eindruck zu vermitteln, voilà un homme, sieh’ da, ein Mensch, der selbst vor einer schweren Prüfung frohgemut und gelassen sein kann.

Weder die Parteitagsdelegierten noch viele Fernsehzuschauer erlebten den pfeifenden Kandidaten. Seine spontane Heiterkeit hätte ihnen vielleicht das Urteil über den Mann erleichtert, der aus dem Kühlhaus in Atlantas tropische Hitze gekommen zu sein, der seine Regungen voll unter Kontrolle zu haben schien. Die ungeschützte Geste hätte dem Publikum wenigstens etwas von der Furcht vor dem scheinbar eiskalten Macher, dem unerbittlichen Regisseur der demokratischen Parteischau nehmen können.

Inzwischen beginnen sich die Amerikaner an den Politiker zu gewöhnen, der sich anschickt, ihr Präsident und damit der mächtigste Mann der westlichen Welt zu werden. Sie haben ihn als beeindruckenden Redner auf dem Parteitag erlebt; Freunde und Verwandte gaben während der vergangenen Tage ihre Ansichten über ihn in Zeitungs- und Fernsehinterviews zu Protokoll; Psychologen sezierten seine Persönlichkeit, und die unvermeidlichen Eingeweihten sprachen ihr Verdikt. Sogar die drängende Frage, ob der kühle Dukakis überhaupt zur Leidenschaft fähig sei, hat viel von ihrer Schärfe verloren, seit seine Frau Kitty einschlägige Zweifel energisch zurückwies.

Das bissige Etikett von "Sorbas dem Buchhalter" (Zorba the Clerk) wird dennoch an Michael Dukakis haften bleiben, weil er tatsächlich ein Kontrastprogramm zur Filmfigur des temperamentsprühenden, unberechenbaren Griechen bietet. Wie soll auch ein Politiker, der keinem erkennbaren Laster frönt, der sein größtes Vergnügen beim Rasenmähen, Anpflanzen von Tomaten und beim schweißtreibenden Schnellgehen findet, die Sehnsucht der Wähler nach dem Außergewöhnlichen stillen? Ihnen bot schon ein frömmelnder Typ wie der wiedergeborene Christ Jimmy Carter nur begrenzten Unterhaltungswert. Dukakis als Inkarnation des Puritaners wird, so befürchten manche seiner Parteifreunde, die Wählerherzen ebenfalls kaum höher schlagen lassen.