Ende der Geduld

Von Horst Bieber

Menschenketten an den Stränden, Mahngeläute der Kirchenglocken und Protestversammlungen am vergangenen Wochenende: Zehntausende forderten, die Nordsee zu retten, das Randmeer von Giftmüll, Phosphat- und Nitrateinleitungen zu entlasten, die Verschmutzung durch Öl zu beenden, die Müllkippe Nordeuropas vor dem biologischen Tod zu bewahren. Sicher haben die Veranstalter dieses friedlichen Aufbegehrens Hintergedanken gehegt. Viele leben vom Tourismus und kämpfen dagegen, daß nach dem Schmuddelwetter nun auch Schmutzwasser ihr Einkommen bedroht. Aber sie erfahren am eigenen Leibe, was viele Bundesbürger immer noch nicht glauben wollen: Eine verdreckte Umweit hat einen hohen Preis. Sie ist auf Dauer gesehen teurer als der Versuch, endlich energisch gegen die Schmutzflut vorzugehen.

An hehren Versprechen, das nordeuropäische Hausmeer zu sanieren, fehlt es nicht, weder national noch international. Doch die großen Papiere sind bislang in arg kleine Münze eingewechselt worden. Zu unterschiedlich sind die Interessen der Anliegerstaaten, um ein zügiges, abgestimmtes Handeln zu ermöglichen. Trotz der europäischen Differenzen auf entschiedene Abhilfe zu drängen, bleibt eine Aufgabe der Bonner Politik; das tägliche kleine Sterben duldet keine Entschuldigung mehr. Bund, Länder und Gemeinden müssen handein, und zwar sofort.

Deswegen hat die schleswig-holsteinische Landesregierung, mit Etatüberfluß nicht eben gesegnet, mit ihrem Sofortprogramm völlig richtig entschieden. Sie will vorrangig die Kläranlagen zwischen Nord- und Ostseeküste so ausbauen, daß in einer zusätzlichen Stufe jene Stoffe zurückgehalten werden, die im Meer als unerwünschter Pflanzendünger dienen. Das bringt nicht viel, gemessen an der Gesamtmenge der eingeleiteten Belastung. Aber die Aktion kann eine politische Haltung aufbrechen, die bisher jede Besserung bremste: "Laßt Bonn befehlen" und "Warten, bis die Wissenschaft die große Lösung präsentiert".

Die Bundesregierung hat bisher wenig Entschlußkraft gezeigt und ist in wortreichen Beteuerungen steckengeblieben. Von dem fünf Jahre alten Versprechen, nächst der Erhaltung des Friedens sei der Schutz der Umwelt ihre wichtigste Aufgabe, hat sie kaum etwas gehalten – bedauerlich, aber nun wahrlich kein Grund, nicht das anzufangen, was jedes Land oder jede Kommune selbst ohne neue Bundesvorschriften leisten kann.

Die zweite Entschuldigung überzeugt noch weniger: Die "große Lösung" gibt es nicht, sondern nur viele kleine Maßnahmen: Kläranlagen werden ausgebaut. Entlang von Bächen und Flüssen entstehen Schutzstreifen, die nicht gedüngt und gespritzt werden. An den Häfen wird der Schiffsmüll kostenlos übernommen, die Übernahme der Reste aus der (Oel)-Tankreinigung verbessert. Unternehmen, die viel Schmutzwasser in die "Vorfluter" ablassen, wie Bäche und Flüsse im Amtsdeutsch irreführend heißen, wird mit verschärften Abwasserbescheiden eine stärkere Reinigung oder gar Umstellung auf wasserarme Produktions-Prozesse nahegelegt. Die wirtschaftliche Nutzung des Wattenmeers muß wohl eingeschränkt werden – und dieser Verzicht kann auch den Tourismus treffen. Verklappung von Hafenschlick und Säuren, Verbrennung von Giftmüll auf hoher See – allem was die Nordsee belastet, muß ein Riegel vorgeschoben werden.

Inzwischen hat die Umsetzung von Fachwissen in die alltägliche Tat mit Hilfe von Schutzverbänden und Umweltorganisationen erfreulich zugenommen. Jeder einzelne Bürger kann seinen Wasserverbrauch einschränken, jeder einen kritischen Gedanken darauf verwenden, was er da wegspült, denn es landet, ob er im Norden wohnt oder im Westen, unvermeidlich in der Nordsee.

Ende der Geduld

Auch die Nachbarländer müssen in die Pflicht genommen werden, Frankreich und die Schweiz für den Rhein, die Tschechoslowakei und die DDR für Elbe und Werra. Das wird viel kosten, an Geduld, Geschick und Geld. Aber die Investitionen werden sich lohnen.

So sehr die Babyaugen sterbender Robben uns jetzt anrühren, und so überzeugend Chemiker und Biologen nachweisen, warum das Gift, das doch millionenfach verdünnt ist, sich über Nahrungsketten wieder anreichert und den frisch gefangenen Fisch ungenießbar macht: Die Rettung der Nordsee bedeutet mehr als eine Herausforderung des Augenblicks. Sie kann auch beweisen, ob Industriegesellschaften in der Lage sind, ihre eigenen Lebens- und Erfolgsgrundlagen zu erhalten, ob sie auf die kurzsichtige, gewinnträchtige Ausbeutung der Natur zugunsten ihres langfristigen Erhalts verzichten können. Wer seine Umwelt so schützt, daß auch Robben wieder leben können, handelt vorausschauend, wenn nicht für sich, dann für seine Kinder und Enkel. In der Theorie herrscht daran kein Zweifel mehr. Nur in der Praxis fehlt es noch am tätigen Willen.

Menschenketten verringern nicht den Schwermetallgehalt des Nordseewassers. Aber sie tragen zur Besserung bei, wenn sie zum Umdenken zwingen. Der Protest hat seinen Sinn, wenn die Einsicht die Urlaubssaison überdauert, daß es höchste Zeit zum Handeln ist.