Von Helmut Becker

Die Augen der Welt ruhen auf jedem Schritt, den Japan tut", belehrte der japanische Außenminister Sosuke Uno eine eilig ins Außenamt gerufene Herrenrunde aus Spitzenvertretern der Großindustrie des Inselreichs. Doch Stolz, wieder einmal im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zu stehen, wollte nicht aufkommen. Denn der Außenminister befahl den sieggewohnten Verbandsoberen der Vereinigung von Japans Topmanagement Keizai Doyukai wirtschaftlichen Rückzug: "Um der weltweiten Kritik an der japanischen Haltung zu begegnen,, sollte unsere Wirtschaft den Handel mit Südafrika vermindern, koste es, was es wolle."

Der Appell war denkwürdig. Die Regierung in Tokio, der sonst nichts so sehr am Herzen liegt, wie Nippons Wirtschaft zum Weltrang Nummer eins zu verhelfen, war es ganz offensichtlich peinlich, daß Japan 1987 im Handel mit Südafrika alle anderen Staaten hinter sich ließ. Seit Japan mit einem bilateralen Handelsvolumen von 4,3 Milliarden Dollar an den USA vorbeizog und zum größten Handelspartner der Burenrepublik avancierte, möchte die Inselwirtschaft glauben machen, sie wäre im Südafrika-Geschäft viel lieber unter "ferner liefen" geblieben.

Das jedenfalls versicherte der Chef von Keizai Doyukai, Takashi Ishihara, seinem Minister mit dem Schwur: "Unser Verband wird sein möglichstes tun, um 1988 durch Abbau des Geschäfts mit Pretoria Handelspartner Nummer zwei oder drei zu werden." Dann schlug sich Ishihara an die eigene Brust: "Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich vom guten Absatz japanischer Autos in Südafrika höre", bekannte der Verbandspräside, der hauptamtlich chairman bei Japans zweitgrößtem Autobauer Nissan Motor ist.

Das Unwohlsein von Nippons Topmanagern hat kaum etwas mit Apartheid, dagegen viel mit der Furcht zu tun, Schaden zu leiden durch ihr Negativ-Image als economic animals, als notorisch skrupellose Profitjäger. Während sich das Land des Yen heute leichter als vor ein oder zwei Jahrzehnten über Kritik asiatischer oder afrikanischer Entwicklungsländer hinwegsetzen und die Kritiker im Notfall kaufen kann, sind die Beziehungen zu den USA viel zu schlecht, um eine neue Kontroverse vertragen zu können. Denn "es besteht nicht der geringste Zweifel, daß Japan schnellstens die Lücke im Südafrika-Geschäft gefüllt hat, die sich durch Protest gegen die Rassenpolitik und Rückzug amerikanischer Firmen vom Kap ergeben hat", schrieb die Chicago Tribune und warnte düster "vor Sanktionen des US-Kongreß gegenüber Profiteuren der amerikanischen Südafrika-Politik".

Selbst in Tokio wird nicht bestritten, daß japanische Firmen auf dem südafrikanischen Markt das Erbe amerikanischer Lieferanten angetreten und dabei bestens verdient haben. Während Japans Ausfuhren in den international geächteten Apartheid-Staat 1987 um 29 Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar stiegen, legten die Exporte von Elektronik, Maschinen, Autos und anderer Warenlieferungen, die die USA eingeschränkt oder eingestellt haben, gleich um 38 Prozent zu. Und trotz der Tokio peinlichen Rolle als größter Handelspartner des Apartheid-Staates stiegen Nippons Südafrika-Ausfuhren in den ersten fünf Monaten 1988 gleich um 57 Prozent im Vorjahresvergleich.

An Beispielen fehlt es nicht, daß sich japanische Firmen den Boykott amerikanischer Konkurrenten bedenkenlos zunutze machen. Seit Kodak 1986 den südafrikanischen Markt räumte, beherrscht Fuji das Feld fast unangefochten. Nippons Autoriesen machen sich derweil daran, den südafrikanischen Markt unter sich zu verteilen: Von den 310 000 im vergangenen Jahr verkauften Wagen stammten 58 Prozent von japanischen Herstellern. Toyota South Africa allein setzte mit 88 341 Modellen zwölf Prozent mehr als im Vorjahr ab und verdiente sich an der Zurückhaltung anderer Hersteller eine goldene Nase: Der versteuerte Gewinn explodierte von 20,5 Millionen Rand (1986) auf 83,6 Millionen Rand. Nissan Motor sah ebenfalls eine Chance, für seine US-Exportprobleme in Südafrika Ersatz zu finden. Japans Nummer zwei steigerte seine Lieferungen gleich um vierzig Prozent und hält heute gemeinsam mit Toyota rund 45 Prozent des südafrikanischen Automarktes.