Mit Papa damals durch das Deutsche Museum zu gehen, war natürlich schon sehr aufregend, obwohl man zu Hause diesem irgendwie schmierölig riechenden Eisenkram aus dem Stabilbaukasten die Legosteine vorzog und statt eines Schwenk- und Dreh- und Hebebaggers doch lieber für den Goldhamster die Pekinger Halle des Volkes nachbaute, die man auf einem Zeitungsphoto gesehen hatte. Trotzdem: all diese archaischen Dampf- und Elektrisiermaschinen, Perpetuummobile und Urflugzeuge, all diese mechanischen Puppenstuben unter Glas, diese wunderbaren Vitrinen mit ihrem Kugel-Hebel-Ketten-Gewirr, mit ihren komplizierten Räderwerken, die sich auf Knopfdruck sirrend in Bewegung setzten – all dies ließ die Kinderäuglein schon schwer glänzen und den Mund weit offen stehen.

Das waren Helden, keine Frage, große Männer: James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine, und Wilhelm Bauer, der U-Boot-Konstrukteur, Alfred Krupp mit seinem nahtlosen Eisenbahnradreifen und Werner von Siemens mit seiner Dynamomaschine! Das war ihre Zeit, das war die Zeit der großen Beleuchter, Beschleuniger, Brückenbauer – das Stephenson-Zeitalter, das Jahrhundert Eiffels, die Ära Wernher von Brauns, und auch die Kunst, die Literatur, hat ihnen ja die gebührenden Denkmäler gesetzt – als tragisch Ringenden, versteht sich –, von Goethes Faust bis zu den Ingenieuren des Max Eyth. Dabei waren ihnen ihre eigenen Konstruktionen sicherlich Monument genug. Und tatsächlich gedenken wir Nachgeborenen noch heute ehrfürchtig ihrer bärtigen Silhouetten, wenn wir vor dem Eiffelturm stehen oder einen Dieselmotor husten hören oder über unseren Köpfen der silberne Zeppelin der Firma Fuji kreist.

Doch sonderbar, etwas hat sich in den letzten Jahren (Jahrzehnten?) geändert. Denn so tief beeindruckt wir auch die Bilder des Cabora-Bassa-Staudamms in Moçambique oder das Modell des neuen Flughafens in München betrachten, so ergriffen wir vor der imponierenden Kulisse des AKWs Krümmel oder über die Pläne für die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf gebeugt erschauern – ein Name, das Bild eines Ingenieurs oder Konstrukteurs will uns dabei nicht in den Sinn kommen.

Statt dessen verbindet sich mit den Wunderwerken heutiger Technik eine ganz andere Art von Heldengestalt. Denken wir an die kühne Atomkraftwerksanlage von Tschernobyl zum Beispiel, dann sehen wir vor unserem geistigen Auge, statt der preiswürdigen Konstrukteure, die verwegenen, Tod & Teufel-festen Techniker der sowjetischen Feuerwehr, denen unter dem Einsatz aller menschlichen Erfindungsgabe und -kraft das Unmögliche gelang: den höllischen Brand einzusargen. Und denken wir an den Bohrturm Piper Alpha in der sturmgepeitschten Nordsee – zweifellos ein Virtuosenstück moderner Fördertechnik –, dann sehen wir nicht seinen begnadeten Konstrukteur vor uns, sondern den genialen Red Adair, den Löschartisten aus Texas.

Ja, sie sind die technischen Genies unserer Tage: die Verhinderer, die Bereiniger, die Verlangsamer, die Entsorger, die Putzmänner. Technik, das weiß jeder homöopathisch geschulte Ökologe (similia similibus curantur), kann nur durch Technik im Zaum gehalten werden, und die Wunden der Technik können nur mit Hilfe der Technik geheilt werden. Die Helden der neuen Ära, die Watts und Daimlers und Hahns des 21. Jahrhunderts – das sind diejenigen, denen es gelingt, die Folgen der technischen Heldentaten des 19. und 20. Jahrhunderts, das Erbe der Watts und Daimlers und Hahns in den Griff zu bekommen, zu beherrschen. Und ihnen, nicht den Gentechnikern, den Schöpfern neuer Arten, nicht den Erfindern des Schnellen Brüters oder den Regulatoren der Altmühl – sondern ihnen allein, den technisch versierten Schützern der alten Arten, den Entsorgungs-Ingenieuren des Rheins, Entgiftern der Nordsee und Konstrukteuren neuer Deiche gegen die Autoflut, wird dermaleinst ein Plätzchen im Pantheon des Deutschen Museums gebühren.

Daß unserer Kinder und Kindeskinder Äuglein, wie meine damals, glänzen. Benedikt Erenz