Als Anfang der fünfziger Jahre im Bundestag der Aufbau des Auswärtigen Dienstes diskutiert wurde, äußerte ein Abgeordneter die Befürchtung, hier könne (erneut) eine Herrschaftsdomäne des Adels entstehen. Zur Erläuterung wies er darauf hin, daß an einer, wie er meinte, politisch wichtigen Stelle in der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes ein gewisser Graf C. tätig sei. Adenauer konterte kurz und kühl: "De Jraaf C. arrangiert nur de Blumen." Womit – das Bundestagsprotokoll, verzeichnete "Gelächter" – eine Klischeevorstellung wirkungsvoll mit einer anderen ausgeräumt war.

Heute, eine Generation später, drücken den Auswärtigen Dienst substantiellere Probleme. Sie rühren an die Qualität des Dienstes und damit an die Qualität der Außenpolitik. Denn McLuhans These "The Medium is the Message" enthält auch für die Diplomatie ein Stück Wahrheit.

Für den inzwischen entstandenen "Problemstau" gibt es zahlreiche Ursachen. Obenan stehen die wachsenden Aufgaben und Verpflichtungen der Bundesrepublik auf internationaler Bühne – als da sind

  • die allgemeine Zunahme der Konferenz-, Konsultations- und Reisediplomatie (wie unter anderem die kaum noch überschaubare Zahl von Gipfelkonferenzen);
  • die steigende Zahl und Bedeutung der großen Organisationen, in denen die Bundesrepublik Mitglied ist, allen voran die Vereinten Nationen;
  • die Teilnahme an (sich teilweise über lange Zeiträume hinziehenden) Großkonferenzen wie etwa KSZE, KVAE, MBFR und die Gatt-Runde;
  • der permanente Konferenzbetrieb innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und die wachsenden Aufgaben der europäischen Zusammenarbeit zwischen den zwölf EG-Staaten;
  • die Aufnahme diplomatischer Beziehungen durch die Bundesrepublik zu über vierzig weiteren Staaten innerhalb der letzten fünfzehn Jahre;
  • die Einbeziehung neuer Themen in die internationale Politik, wie Umwelt, Energie, Ernährung, Weltraum, Meeresboden und so weiter
  • und nicht zuletzt die verstärkte Betreuung von Landsleuten, vor allem von Touristen, im Ausland.

All dies und einiges mehr hat zu einer enormen Auswertung der Aufgaben geführt, die dem Auswärtigen Dienst gestellt sind, wie sich dies zum Beispiel allein schon an den acht- bis neunhundert telegraphischen Berichten ablesen läßt, die heute täglich im Haus an der Adenauerallee von den Auslandsvertretungen eingehen – von der (umfangreicheren) regulären Berichterstattung gar nicht zu reden.

Andere Staaten mit vergleichbaren Problemen haben ihre auswärtigen Dienste in den letzten Jahren personell konsequent verstärkt, die USA um 25, Japan um 27 und Frankreich gar um 42 Prozent, um nur einige Beispiele zu nennen. Im deutschen Auswärtigen Dienst hingegen wurde in diesem Zeitraum der Personalbestand nicht nur nicht vergrößert, sondern sogar noch verringert. Zwar sind bemerkenswerte technische, vor allem kommunikationstechnische Verbesserungen in der Ausstattung des Dienstes erreicht worden. Sie können hier jedoch wenig helfen, und es ist offenkundig, daß der Auswärtige Dienst, vor allem an seinen wichtigsten Stellen, überlastet ist.

Auch mit der Finanzierung hapert es. Sicher ist es noch keine nationale Katastrophe, wenn zum Beispiel der eine oder andere Botschafter von seinen Repräsentationsgeldern allein für den Unterhalt seiner sogenannten "Residenz" so viel ausgeben muß, daß ihm für deren eigentliche Verwendung, nämlich für Repräsentation und Gastlichkeit, kaum noch Geld übrig bleibt. Er lebt dann mit dem notgedrungen falsch ausgegebenen Steuergeld in seiner "Residenz" eben als das, was Thomas Mann einmal als "Villenproletarier" bezeichnet hat, wobei er allerdings sicherlich keinen persönlichen Schaden nimmt.