Von Volker Mauersberger

Madrid, im Juli

Auch am vergangenen Sonntag sind die Radioreporter, Zeitungsleute und Photografen wieder an die Plaza del Rey zurückgekommen, vor der weitläufigen, von hohen Säulen gestützten Eingangshalle mit einer Teilnahmslosigkeit wartend, als würden auch sie längst nicht mehr an spektakuläre Ereignisse glauben. Seitdem der spanische Industrielle Emiliano Revilla, kaum hindert Meter von diesem Hauseingang entfernt, von einem Terroristen-Kommando der ETA entführt und in ein unbekanntes Volksgefängnis verschleppt wurde, haben einige von ihnen auf den großen "coup" gewartet und gehofft, sie würden die ersten sein, die den Freigelassenen zu Gesicht bekommen. Doch nach nunmehr fünf Monaten ereignislosen Wartens sind auch die Eifrigsten unter ihnen mürbe geworden und wissen allenfalls kurz angebunden zu berichten, daß die Frau des Entführten wie stets zweimal am Tag zum Spaziergang hinüber in den kleinen Stadtpark geht. "Wir haben alles getan, was die ETA verlangt hu", sagte Margarita Sänchez-Revilla in einem Interview, das die Tageszeitung DIARIO 16 an diesem Sonntag, den 24. Juli veröffentlicht. Am Abend wird die Tochter des Entführten einem Fernsehreporter sagen: "Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, wir werden weiter auf die Rückkehr meines Vaters warten."

Spaniens bisher längster und gewiß auch spektakulärster Entführungsfall geht in den sechsten Monat. Selten sind die spanische Polizei und die Dienste, die immer wieder durch Erfolge bei der Terrorismusbekämpfung auf sich aufmerksam machten, ratloser gewesen. "Sie haben wirklich keine Ahnung, wo er stecken könnte", höhnte am Montag das konservative Blatt ABC über die Polizei, nachdem wieder einmal eine Razzia in den Bergen der Guadarrama ohne Ergebnis abgeblasen wurde. So wie diese ausgesprochen regierungsfeindliche Zeitung beteiligen sich auch andere spanische Blätter fast täglich an jenem Detektiv- und Spekulationsspiel, unter welchen Umständen der Entführte doch noch freigelassen werden könnte – oder wo er zu suchen sei.

Dabei spitzt sich die Diskussion immer wieder auf die Frage zu, ob Emiliano Revilla tatsächlich arglos in jene Falle tappte, die ihm das "Kommando Madrid" der baskischen ETA nach sorgfältiger Planung aufgestellt hatte. Wie immer war der schwerreiche Immobilienhändler auch an jenem Tag von seinem Haus an der Plaza del Cristo Rey Nr. 3 zum Aperitif hinauf in die Cafeteria des Hotels "Mindanao" gegangen. Oft hatte er sich dabei mit zwei jungen Männern und einer Dame unterhalten, die wie er zu dieser Uhrzeit in die Cafeteria kamen. "Mit einem der beiden Männer schien Revilla so vertraut, daß wir ihn sogar für seinen Leibwächter gehalten haben", sagte einer der Kellner später, als der Industrielle von dem Terroristen-Trio gekidnappt worden war.

Bis heute besteht das spanische Innenministerium darauf, daß der millionenschwere, ehemalige Wurstfabrikant ganz oben auf einer ETA-Entführungsliste stand, die bereits im vergangenen Jahr in einem Terroristen-Dossier aufgespürt worden war. Die Frau des Entführten bestreitet hartnäckig, daß ihr Mann jemals von der Polizei einen Wink bekam. "Noch drei Tage vor seiner Entführung", entrüstet sich seine Frau, "riet Emiliano meinem Sohn, aus Sicherheitsgründen aus einem Vorort Madrids zu uns in die Stadt zu ziehen. Mein Mann wußte von nichts."

Liegt es an diesem Widerspruch, daß die bisherige Fahndung nach dem Entführten in einer fatalen, kaum noch verständlichen Weise mißlang? Zweimal hintereinander mußte die Öffentlichkeit verblüfft zur Kenntnis nehmen, daß die Familie Revilla zur Zahlung der ungemein hohen Lösegeldsumme von umgerechnet elf Millionen Mark bereit war: Ende April wurde im französischen Bayonne der ETA-Aktivist Pérez Alonso verhaftet, der genau 725 Millionen Peseten in Fünftausend-Peseten-Scheinen bei sich trug. Niemand bezweifelt, daß der Bote mit dem schweren Geldkoffer unterwegs war, um den Kidnappern die Lösegeldsumme auszuhändigen. Als es Wochen später in Paris zu einer zweiten Beschlagnahme und der Verhaftung eines ETA-Terroristen kam, lieferte auch dies den Beweis, daß die verzweifelte Familie unter allen Umständen das Leben des Entführten retten will.