Von Peter Renyi

Budapest, im Juli

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, als ungarischer Journalist und stellvertretender Chefredakteur des Zentralorgans der Partei Nepszabadság, der seit 32 Jahren "im Geschäft" ist – und schon Anfang 1957 von der Wiener Presse als "Kádár-Journalist" gebrandmarkt und 1985 von Hans Magnus Enzensberger in der ZEIT als "letzter Mohikaner" dieses Schlages abgestempelt wurde –, ohne jede Polemik auf die viel diskutierte Frage einzugehen, welche Gründe und welchen Sinn die Ablösung der älteren Führungsmannschaft auf der Landeskonferenz der kommunistischen Partei vor zwei Monaten hatte: Ausgehend von der zugegeben etwas paradox klingenden Meinung, daß das, was sich abgespielt hat, nicht als Sturz Kádárs oder Scheitern der von ihm vor Jahrzehnten konzipierten Politik und Methode beurteilt werden sollte, vielmehr als das Gegenteil. Gewiß, wer Kádárs oft versteinert anmutendes Gesicht auf der Konferenz vor sich sah, dachte nicht an Siegerkränze; die Diskussionsredner gingen mit der Praxis der Parteiführung, vor allem im letzten Jahrzehnt, hart ins Gericht; man war nicht grob, aber von Nachsicht oder von Suche nach mildernden Umständen war keine Rede.

Und doch, so meine ich, darf man behaupten: Was sich auf dieser Parteikonferenz und in den vorausgegangenen, sehr erregten Diskussionen an der Basis und auf der mittleren Ebene der Parteiorganisation abspielte, war ein Resultat der Reformpolitik. Die Notwendigkeit des eigenständigen Denkens, der Anspruch auf Mitreden, Mitbestimmen, die Erwartung, von der Führung auch in heikle Themen eingeweiht zu werden und vieles andere mehr – das war für die Parteimitglieder sowie für die politisch aktiven Parteilosen die natürliche Fortsetzung der Wirtschafts- und der anderen Reformen, kurz gesagt: der Kádárschen Politik. Man kann, so glaube ich, voll und ganz mit Wolfgang Mischnick übereinstimmen, der mir in Bonn in einem kurzen Interview erklärte: "Ich will nicht verheimlichen, daß ich persönlich nach wie vor die große Leistung von János Kádár bewundere, der es fertiggebracht hat, Weichen in eine Richtung zu stellen, die heute selbstverständlich ist. Ohne dies wäre es nicht möglich gewesen, diesen Weg heute so zu beschreiten. Daß es dann Phasen gibt, wo man weitere Schritte tun muß, das ist klar." Diese Einschätzung entspricht übrigens auch dem Bekenntnis von Imre Poszgay, der sich als Reformer par excellence verstanden sehen will und der jetzt ins Politbüro gewählt wurde.

Bekanntlich gibt es viele Beispiele, daß bedeutende Politiker, die historische Richtungen bestimmt und neue Wege vorgezeichnet haben, auf eben diesen Wegen von der Bewegung überholt wurden, die sie selbst in Gang gesetzt hatten. Und es gibt viele Fälle, wo die Betroffenen diesem Vorgang zunächst mit Unmut und Widerwillen begegneten, ihn nur ungern überhaupt zur Kenntnis nahmen. Doch in dem Moment, in dem sie den wahren Charakter dieser Konflikte erkennen, müssen sie auch ihre Beurteilung ändern, denn eine Politik, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Idee der Reform, der ständigen Wandlung, der Anpassung an die neuen Bedingungen und Erfordernisse zu vertreten, muß imstande sein, diese Dialektik auch auf sich selbst anzuwenden.

Die ungarische Partei hat seit 1956 eine sehr behutsame Politik betrieben, eine Praxis der kleinen Schritte, vorsichtig, bedacht, immer wieder abwägend, und sie hat sich unter keinen Umständen in unberechenbare Situationen hineinziehen lassen wollen. Dabei spielten Kádárs Persönlichkeit und Lebenserfahrung lange Zeit eine ausschlaggebende Rolle. Er hatte die schicksalsschweren Deformationen der stalinistischen Räkosi-Zeit nicht zuletzt als Ergebnis eines sterilen Theoriedenkens interpretiert, das – ohne auf das alltägliche Leben der Menschen zu achten – sich über die Realitäten hinwegsetzte, den Erwartungen und dem Verständnis der Leute keinerlei Bedeutung zuschrieb, Kádárs Auffassung war, wie er sie einmal vor Wissenschaftlern formulierte: Das Volk sei nicht dazu da, als Experimentierobjekt für abstrakte Thesen zu dienen; die Theorie müsse dem Wohl der Allgemeinheit zu Nutzen sein und nicht umgekehrt.

Eine der größten Sorgen Kádárs war, daß die Politik sich von den wirklichen Gegebenheiten loslöst. Er nannte sich einmal "einen Roboter der Kompromisse", wie es György Aczél auch auf der KP-Konferenz in Erinnerung brachte; ja, er wandte nichts dagegen ein, wenn er als Pragmatiker bezeichnet wurde, der sich immer nur die Ziele setzte, die er für erreichbar erachtete. Dies war auch eine Reaktion auf die Zeiten des Sektierertums und des Voluntarismus; hinter jeder Aktion und Geste steckte die Absicht, die Basis der Bündnispolitik zu verbreitern, früher abgerissene Bindungen neu zu knüpfen. Das Ergebnis war jener gesellschaftliche Konsens, der Kádár im Westen den Ruf einbrachte, er würde auch dann mit großer Mehrheit gewählt werden, wenn es bei uns ein bürgerliches Wahlsystem gebe.

Dabei ging es nicht nur um die Überwindung der dogmatisch-utopischen Vorstellungen der Arbeiterbewegung. Es ging auch um nationale, in der Tradition wurzelnde Charakterzüge der Ungarn und des Landes, das, wie bekannt, im letzten Jahrhundert den Weg des bürgerlichen Fortschritts