Rituale der Gemeinschaft

Der letzte Gipfel der Europäischen Gemeinschaft war eine leicht zu verstehende Inszenierung. Helmut Kohls Regie garantierte von vornherein, daß das Hannoveraner Treffen nicht zum Anlaß für Konflikte oder Kabalen werden würde. Doch da diese Ausnahme nur die Regel der gewöhnlich verzwickten, undurchschaubaren und interessehemmenden EG-Konferenzen bestätigt, war eine Erklärung der Gipfelrituale überfällig. Die Einführung in die Geheimnisse europäischer Hochämter liefert das Buch von

  • Marcell von Donat:

Das ist der Gipfel – Die EG-Regierungschefs unter sich

Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1987; 176 S., 28,– DM,

auf unnachahmliche und einleuchtende Weise. Als langgedienter Beamter der Brüsseler Kommission weiß der Autor nicht nur worüber er schreibt, er tut dies auch mit soviel geistreicher Distanz und Ironie, wie sie von einem Eurokraten bei diesem Sujet wahrlich nicht zu erwarten ist.

Die didaktischen Fähigkeiten, die von Donat bei seiner schier unlösbaren Aufgabe beweist, führen zum Ziel. Er schafft es, mit Witz, Präzision und gar graphischen Hilfsmitteln, das Phänomen EG-Gipfel zu erklären. So gelingt es ihm, die rituellen Abläufe eines solchen Ereignisses schematisch und beinahe minuziös vor Augen zu führen. Selbst die Unwägbarkeiten eines Treffens, bei dem zwölf selbstbewußte Regierungschefs und ein mindestens ebenso selbstsicherer Kommissionspräsident miteinander ringen, werden berücksichtigt, denn irgendwie ist auf diesen Gemeinschaftstreffen alles schon einmal dagewesen.

Der Blick hinter die festverschlossenen Türen offenbart eine einmal dagewesene, eine sehr heterogene Führungsgruppe, die nach Meinung des Autors zu lernen beginnt, daß sie "statt nur Macht und Reichtum umverteilen zu wollen, auch gemeinsam etwas zu mauscheln, zu kungeln und zu wursteln" hat – "halt gemeinsam regieren" muß.

Rituale der Gemeinschaft

Es spricht für von Donat, dem es "eine Freude und Ehre ist, der EG-Kommission zu dienen", daß er das Gemeinschaftskollegium mitunter etwas ernster nimmt, als es dies verdient. Aber wer das Potential dieser "Weltmacht für Stunden" bedenkt, "die auf der Welt und in der Geschichte ihresgleichen sucht", kann eben nur schwer unbeeindruckt bleiben.

Obwohl er die Mechanismen und Methoden des Europäischen Rates so einfühlsam beschreibt, sorgt der Autor gleichwohl für eine Relativierung der Wirkung dieses Gremiums. Sie stellt sich ein beim Betrachten der Tabelle der bisherigen Gipfelkonferenzen, die der Autor verdienstvollerweise seinem Text beigefügt hat. Fünfundvierzig Mal haben sich die EG-Chefs bisher getroffen. Doch ein wirklich geschichtsträchtiges Datum haben sie noch nicht hinterlassen. Dieter Buhl

Nachtrag

Das auf der Seite "Themen der Zeit" (Nr. 26) zitierte Buch von Maximilian Liebmann "Theodor Innitzer und der Anschluß" ist im Verlag Styria, Graz 1988 erschienen.