Von Jutta Scheuer

Die Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft geht mit einem Verlust der Privilegien Hand in Hand. Das merken wir Ausländer bereits auf dem Flugplatz. Schickte die Akademie der Wissenschaften der UdSSR früher einen Mitarbeiter zum Zoll, der den eingeladenen Wissenschaftler mühelos durch die Kontrollen schleuste, so muß ich mich jetzt dem Schicksal selbst anvertrauen. Dies tritt mir entgegen in Gestalt einer jungen Frau, die ihre Aufgabe ernster nimmt als ihre männlichen Kollegen, bei denen sich die Reihen der Wartenden schneller lichten. Dabei geht es keineswegs um die Bücher für Freunde oder um meine Manuskripte. Was interessiert, sind Edelmetalle – mit anderen Worten Schmuck. Meine Taschen, Kosmetikbeutel, ja die Kleider – alles wird daraufhin durchsucht. Einen Brillantring will sie auf den Goldstempel hin überprüfen. Doch meine Finger sind vor Müdigkeit und Hitze geschwollen, daß ich den Ring nicht abziehen kann.

Die Fahrt durch den sommerlichen Moskauer Abend ins Stadtzentrum führt an auffallend vielen restaurierten Gebäuden vorbei. Eben erst ist das tausendjährige Jubiläum der Christianisierung Rußlands gefeiert worden. Klöster und Kirchen – selbst wenn längst nicht alle von ihnen "arbeiten", wie man hier sagt – wurden eigens für diese Feier des alten ewigen Rußland instand gesetzt.

Meine Aufgabe in Moskau besteht diesmal darin, Forschung zu betreiben. So will ich feststellen, ob die Forderungen der mutigsten Historiker, allen voran Jurij Afanassjew, erfüllt und die historischen Archive in der Zwischenzeit für das akademische Publikum geöffnet worden sind. Doch vor allem geht es mir darum, Verbindungen zwischen französischen Sozialwissenschaftlern und verschiedenen Instituten der Akademie der Wissenschaften in Moskau herzustellen. Wahrscheinlich habe ich es dieser halboffiziellen Funktion zu verdanken, daß man mich im Hotel in eine komfortable Zwei-Zimmer-Suite – auf Russisch "Halbluxus" – einweist. So weit geht der Luxus allerdings nicht, als daß im Hotel – und im gesamten Stadtbezirk – auch warmes Wasser aus dem Hahn käme. Seit Wochen gibt es nur kaltes Wasser. Bei den in diesen Tagen herrschenden Temperaturen – oft über dreißig Grad – mag das ja noch angehen. Schlimmer ist, daß der Fernsehapparat nicht läuft. Steht doch die Parteikonferenz bevor, die im Fernsehen übertragen werden soll. Gleich am folgenden Tag spreche ich im Präsidium der Akademie der Wissenschaften vor: Innerhalb der nächsten Stunden ist mein Apparat repariert.

Am zweiten Tag veranstalten Freunde in einem nördlichen Randbezirk der Stadt ein "Memorial" genanntes Treffen. Den Opfern des Stalinismus soll ein Denkmal errichtet werden. Seit Monaten wurden dafür nicht nur in Moskau, sondern selbst im fernen Sibirien, namentlich in Tschita, Zehntausende von Unterschriften und Geldspenden gesammelt. Die Moskauer Stadtverwaltung, ein ganz ungewöhnliches Ereignis, hat diese eindeutig politische Veranstaltung offiziell genehmigt. Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht verbreitet.

In glühender Mittagshitze versammeln sich um die tausend Menschen, junge wie alte. Auf der Tribüne zwischen Plakaten, die unter anderem Stalins schwere, schwarze Stiefel zeigen mit der Inschrift "Er ist noch immer gefährlich", finden sich viele Moskauer Intellektuelle ein. Appelliert wird an das "kollektive" Gewissen, die "kollektive" Erinnerung und die Verantwortung aller für die Opfer des stalinistischen Systems. Wenn man die Opfer nicht wenigstens im nachhinein zu "retten" vermöge – so der immer wieder beschworene Ausdruck, der im Sprachgebrauch der Glasnost weit mehr als nur einfach "rehabilitieren" meint –, dann sei die Perestrojka, zu der sich alle Redner bekennen, ein hoffnungsloses Unternehmen. Archive, Bibliotheken, Museen müßten für diese "echten Revolutionäre" errichtet werden, wie sie von der Tochter des Altbolschewiken Antonow-Ofsejenkow bezeichnet werden. Überhaupt gehören die Erinnerungen der Hinterbliebenen der ersten und zweiten Generation der Bolschewiki, so der Tochter Smilgas oder der Witwe Bucharins, zum Eindrucksvollsten dieser Veranstaltung.

Manch einer unter den Zuhörern weint, doch es werden auch Ausbrüche der offenen Empörung gegen den "noch immer herrschenden" Stalinismus laut. Bewegend die Worte Andrej Sacharows, daß die Tragik der Geschichte durchaus nicht beendet sei. Larissa Bogoraz, die Witwe des erst vor anderthalb Jahren in einem Lager umgekommenen Anatolij Martschenkow, und der unlängst freigelassene Theologe und Dissident Sergej Kowaljow, die beide dabei sind, im Rahmen der offiziell verkündeten Demokratisierung eine neue Zeitschrift herauszugeben, erinnern an die vielen, die ohne Rechtsgrundlage noch immer die Gefängnisse und Lager füllen. Dem Stalinismus seien mehr Menschen zum Opfer gefallen als im Zweiten Weltkrieg, rechnet der Philosoph Karjakin dem Publikum vor. Der Journalist Les Tiomosejew, ehemaliger Häftling und jetzt Herausgeber einer der wichtigeren Zeitschriften der Opposition, fordert unter dem lebhaften Applaus der Zuhörer, dem Autor des "Archipel Gulag", Solschenizyn, ein Denkmal zu setzen.