Günter kam gemessenen Schrittes. Mit diesem Elchgang so wie damals. Doch diesmal hob er den Ball nicht auf unwiderstehliche Weise in irgendeine Gefahrenzone. Nein, Günter trat aus der Kulisse eines Studios hinaus in gleißendes Kameralicht. Milde lächelnd sagte er nichts, es war wohl sein stärkster Moment.

Samstage in den letzten 25 Jahren. Wie nett hatten wir sie uns immer gemacht. Besorgungen am Morgen, dann lecker Eintopf gegessen, Rasen mähen, Auto waschen, baden und sodann, pünktlich, Sportschau. Huberty und Rauschenbach, die Maitres de plaisir, verläßlich und vertraut und – am Ende als kleiner Kitzel – Tor des Monats. Wird mit Günter alles anders sein? Vorbei die Zeiten, da sich alle Fußballfreunde Punkt 19 Uhr aus dem Sessel erhoben, Telephone blockierten und kunstvoll Arrangements für den Abend entwarfen? Wir bleiben sitzen und schalten um: „Anpfiff“.

Auf seinem unaufhaltsamen Weg durch das Studio hat Günter inzwischen Moderator Ulli Potofski erreicht. Aber wer ist Ulli Potofski? Nun, der freundliche Mann wirkt als Sportchef bei RTL-Plus. Wie zu hören ist, gilt er hausintern seit längerem schon als eifernder Anhänger des Imams Sepp Herberger und dessen fundamentalistischer Lehre, „dort stark zu sein, wo der Ball ist“. Als sich der Sender jüngst zur alles dominierenden Macht des Fußballs bekannte, schien Potofski der richtige Mann als Vollstrecker des Konzepts.

Mittlerweile ist es 19.15 Uhr, unser Telephon schellt ohne Unterlaß. Aber wir überhören den Ruf all dieser Ignoranten, die nichts ahnen von Ulli Potofski in Köln und seinem tapferen Kampf gegen 180 Sendeminuten. Längst wissen wir, daß es tatsächlich kein Druckfehler war, und daß Ulli durchhhalten muß bis kurz vor zehn. Gottlob behält Ulli rein äußerlich die Übersicht, Entlastung von Günter ist kaum noch zu erwarten. Der Ko-Moderator wirkt seltsam entrückt, gelegentliche Fragen bescheidet er eher lakonisch: „Doch, doch, das kann man nicht anders sagen.“

Dankenswerterweise gelingen die Schaltungen in die Fußballarenen ohne Komplikationen. Immer neue Reporter melden live aus Hannover, Köln oder München: Das Wetter sei gut, irgendwo „brennt eine Abwehr lichterloh“, streift ein Ball „in zweiter Zeitlupe“ am „langen Pfosten“ vorbei. Gelbe Karten, rote Karten und am Ende immer wieder gefönte Gesichter vor irgendwelchen Mannschaftskabinen.

Jetzt, es ist fast 21 Uhr, sind wir schon seit knapp 120 Minuten – Sportschau nicht mitgerechnet – Zeugen fußballerischen Wirkens. Nur noch taumelnd überwinden wir den Weg zum Kühlschrank. Ein kurzer Blick ins ZDF zeigt Bud Spencer im Cockpit eines bemerkenswert roten Flugzeugs. Immerhin, aber was macht Ulli Potofski? Wir schalten zurück und wirklich, er ist immer noch im Studio. Er bleibt es auch, als sich seine Talkgäste, unter anderem Pierre Littbarski und später auch ein gewisser Andy Möller aus Dortmund, ziemlich unvermittelt von ihren Stühlen erheben und unter Hinweis auf anderweitige Verpflichtungen in dieser Nacht das Weite suchen.

An der Seite von Günter, der mittlerweile melancholisch in einen nahe stehenden Monitor blickt, biegt Potofski nun in die Zielgerade ein. Wahrsagerin Semira wird vorgelassen, dem Vernehmen nach hat sie den neuen Meister der Liga seit Jahren stets trefflich vorhergesagt. Nun nennt sie, als Sieger in der Saison ’89, den VfB Stuttgart.