Von Joachim Riedl

Jedesmal, wenn der "Fenstersturz" an die Reihe kommt, wird in der Redaktionskonferenz des Hamburger Privatsenders Radio 107 viel gelacht. Die Rundfunkmacher wählen dann den Buhmann des Tages, der anschließend, zum tosenden Applaus von 50 000, im Volksparkstadion aufgenommen, in der täglichen Haßminute des Senders an den Pranger gestellt wird. Das Lachen ist dem Radio-107-Team mittlerweile vergangen. Ginge es nach seinem Willen, so gäbe es seit dem 14. Juli einen Stammgast in der "Fenstersturz" Sendung.

An diesem schwarzen Donnerstag traf via Telefax ein dreiseitiges Konzept zur "konsequenten Programmreform" ein. Verfaßt hatte es Eckhard Rahlenbeck, Geschäftsführer der Stuttgarter Radio Media, einer Tochterfirma der Radio-107-Mitgesellschafterin AV Euromedia, einem Unternehmen der Holtzbrinck-Gruppe. Der Funkmanager, verantwortlich für die Zulieferung von Rahmenprogrammen an Holtzbrinck-Sender (Radio Gong, München, Frankenstimme sowie sieben weitere Beteiligungen, droht darin mit "rigorosem Kostenmanagement" und kündigt ein "konsequentes Top 40-Radio" (also Schlager aus der Hitparade) an.

"Vorbehalte der Medienbehörde", so der Kernsatz des Papiers, "können ökonomische Realitäten nicht ersetzen." Sprich: Für all die schönen Informationssendungen, die Radio 107 in seinem Sendeantrag verbindlich versprochen hatte, reicht das Geld nicht aus. Statt dessen soll "Ultra-Kurzweil-Radio-Vollprogramm" aus dem Stuttgarter "Basisprogramm 1" den Hamburger Äther verkleben.

Ärger in der Gesellschafterversammlung war somit programmiert. Den Kommanditisten des zweitgrößten Privatsenders der Hansestadt (neben Holtzbrinck und RTL vier mittelständische Unternehmer aus Hamburg) liegen trübe Zahlen vor. Nach einem Jahr Sendebetrieb hat es Radio 107 nur auf magere sechs Prozent Reichweite gebracht; die Konkurrenten von Radio Hamburg hatten in knapp zwei Jahren uneinholbare 23 Prozent erobert. Die Werbeeinnahmen sind weit – gerüchteweise um zwei Drittel – hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Und den Gesellschaftern bleibt keine andere Wahl, als gemeinsam Kapital in Millionenhöhe nachzuschießen. Holtzbrinck und RTL hatten bereits zu Beginn des Jahres eine Million Mark zusätzlich aufgebracht.

Dem Radio-107-Gesellschafter und Verleger des Stadtmagazins Szene, Klaus Heidorn, reicht es nun: Er will aussteigen. "Ich denke nicht daran, meinen ganzen Verlag auszuplündern", sagt Heidorn, "nur um bei diesem Pokerspiel mitmachen zu können." Zur Zeit werde über Angebote verhandelt, bis Mitte August soll der Rückzug abgeschlossen sein.

Heidorn schreckt allerdings nicht nur vor einer weiteren Zuwendung zurück. Vor allem will er sich von dem neuen Sendekonzept distanzieren: Das "Radio Laufunk", das sich Holtzbrinck-Manager Rahlenbeck ausgedacht habe, "paßt mir nicht". Deutlich ließe sich aus dem Papier die Tendenz ablesen, die von den privaten Rundfunckonzernen verfolgt werde: ein Netz regionaler Radiostationen, das mit einem zentralen Breitenprogramm versorgt wird.