Hamburg

In Hamburg gibt es seit einiger Zeit eine neue Art von Theaterdonner. Es ist nicht die Intendantenkrise, die wieder einmal köchelt, sondern es wird protestiert gegen ein neues und zugleich altes Theater. Im Streit um Für und Wider flogen auch schon Steine.

Dabei hatte sich alles so gut angelassen: Der Kultursenator sah Hamburg schon als "erfolgreichste deutsche Stadt für modernes Musiktheater", die Finanzsenatorin begrüßte die Aussicht auf rund 200 neue Arbeitsplätze, und die Presse beschwor die Erinnerung an alte Theaterzeiten. Allgemeine Euphorie hatte sich entzündet an einem Geschenk im Wert von 45 Millionen Mark, das ein Privatmann der Stadt zu Füßen zu legen gedachte. "Cats"-Produzent Friedrich Kurz, der Musikunterhaltung in amerikanischen Dimensionen verkauft, hatte vorgeschlagen, ein zweites Groß-Musical nach Hamburg zu holen – das "Phantom der Oper", wie "Cats" ein Werk des Erfolgskomponisten Andrew Lloyd Webber. Ein Bankenkonsortium sollte den größten Teil der Baukosten für ein neues Theater tragen; private Anleger wollten die Produktionskosten von 12 Millionen Mark übernehmen.

Auch den Ort hatte Kurz schon ausgeguckt. Das halb verfallene, zum Discountladen verkommene Floratheater im Schanzenviertel am Schulterblatt, nicht weit von der Reeperbahn (und den "Katzen" im Operettenhaus), sollte bis auf die neoklassizistische Fassade niedergerissen, dahinter ein Zuschauerraum mit 2000 Sitzplätzen und ein hochmodernes Bühnenhaus errichtet werden.

Erfreut, so billig zu einem neuen Theater zu kommen, beeilte sich der Senat, noch unter Vorsitz von Klaus von Dohnanyi, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Am 19. April schloß Friedrich Kurz mit der Stadt einen Vertrag, wonach ihm das 5000 Quadratmeter große Grundstück 75 Jahre lang gegen 50 000 Mark jährlich zur Verfügung steht. Die Genehmigungen für den Teil-Abriß und die Ausschachtung ließen nicht auf sich warten. Wohl aber die letzte, die allerwichtigste: Vergangene Woche verschob der Senat zum wiederholten Male die Entscheidung über die Baugenehmigung – auf den 2. August. Und dies ist für den Unternehmer Kurz begreiflicherweise ganz und gar unbegreiflich. So schimpfte er vor der Presse über die "Hamburger Verhältnisse", nannte den Senat "vertragsbrüchig" und drohte mit Regreßansprüchen.

Was ist geschehen? Was ist der Grund für das Verhalten des Senats? Offensichtlich die Erkenntnis des neuen Bürgermeisters Henning Voscherau, seine Kollegen hätten gewisse "Schularbeiten" nicht gemacht, hätten unter anderem die Berechnung der gesetzlich geforderten Parkplätze versäumt, die der Bauherr eines solchen Projektes bereitstellen müsse.

Diese Erkenntnis ist dem neuen Ersten Bürgermeister, so darf vermutet werden, allerdings nicht spontan gekommen. Sie war wohl das Ergebnis wochenlanger Auseinandersetzungen mit den Gegnern des geplanten Musical-Projekts. Anfangs hatte der Senat konträre Meinungen nicht zur Kenntnis genommen, nicht berücksichtigt, daß es sich hier um einen kritischen Standort handelt: ein Innenstadt-nahes Viertel, das in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt, durch zumeist sozial schwache Gruppen besetzt und erst vor zwei Jahren als Sanierungsareal ausgewiesen worden war.