Die Nordsee verlangt einen neuen Typ von Touristen

Von Ulrich Stock

Hallig Hooge

Schleswig-Holsteins Fremdenverkehrsverband verteilt eine lockende Broschüre an Besucher des Landes und solche, die es werden sollen. "Natur und Urlaub" heißt der Prospekt; reich ist er an bunter, heiler Welt: Schafe auf saftigen Wiesen, schillerndes Watt, weiße, appetitliche Brandung, Dünenparadiese. Doch was verunziert Seite 13? Auch ein Bild von Ufer und Wasser: vorne dümpelt ein orangefarbener Bierkasten, rechts daneben kopfüber ein Eimer mit Holzschutzmittel, zwei blaue Müllsäcke nicht weit davon. Wellpappe und Konservenbüchsen in schmieriger Flüssigkeit. Auf einem zweiten Photo verkündet ein Schild: Naturschutzgebiet. Überschrift der Seite: "Landschaft in Gefahr"; kommentarlos ist ein Auszug aus dem Bundesnaturschutzgesetz hinzugefügt. Erschrocken blättert der Urlaubswillige um und findet ein paar Seiten weiter einen dieser niedlichen Seehunde abgebildet. Ihm scheint es noch gutzugehen, aber darf man dem Schein trauen?

Am letzten Wochenende, dem der Menschenketten auf den Nordseeinseln, hatte der Fremdenverkehrsverband ein paar Journalisten zu einer naturkundlichen Exkursion auf die Hallig Hooge eingeladen. Mit einer Fähre setzte die Gruppe vom Festland über, stieg gleich um in die MS Seeadler. Zum Japsand tuckerte das Schiff. An Bord wurden mit Alkohol gefüllte Mini-Seehunde verkauft; jede Flasche trug einen Rettungsring. Als draußen Seehunde in Sicht kamen, stürmten alle Touristen an Deck: gemütlich lagerte eine Gruppe auf einer Sandbank – auch dies nur Schein?

Die Augen ausgehackt

Der Japsand ist eine von drei Sandinseln, die zwischen Föhr im Norden und der Halbinsel Eiderstedt im Süden den Halligen vorgelagert sind und das Wattenmeer gegen die offene See abgrenzen. Hier ist nichts. Nur Sand und Himmel, so weit das Auge reicht. Auch keine Anlegestation: Die MS Seeadler fuhr so dicht an den Strand wie möglich, dann mußten die Besucher ihre Hosen aufkrempeln und durch das kniehohe Wasser auf den Japsand hinüberwaten.