Der israelisch-palästinensische Konflikt rückt wieder ins Zentrum

Von Dietrich Strothmann

Der Krieg ist tot, es lebe der Krieg! Letztes Wochenende noch sah es fast so aus, als behielte diese finstere Parole am Golf ihre Gültigkeit. Obwohl der Iran die Waffenstillstands-Resolution des Weltsicherheitsrates angenommen hatte, drangen irakische Truppen auf breiter Front tief in gegnerisches Gebiet ein, bombardierten und beschossen sie Dörfer und Städte (angeblich erneut mit Giftgasgranaten) und machten – worauf es Bagdad wohl hauptsächlich ankam – an die zehntausend Kriegsgefangene, zum Zweck eines späteren, wenigstens annähernd paritätischen Austauschs (der Iran hielt bis vorige Woche fast 50 000 Iraker fest, der Irak dagegen nur rund 13 000 Iraner). Inzwischen haben sich die irakischen Soldaten wieder hinter die internationale Grenze zurückgezogen. Dafür brachen Tags drauf iranische Volksmudschaheddin, die auf seiten Bagdads kämpfen, in einer Art Strafaktion in den Iran ein. Ob dies die letzten Attacken waren? Es gibt viele "Wenn" und "Aber" in dieser Treibsandregion Naher Osten.

Waffenstillstände brauchen, ehe sie in Kraft treten und mit Hilfe von "Blauhelm"-Beobachtern dann auch funktionieren, Zeit, viel Zeit. Und selbst dann, wenn sie endlich vereinbart und angeblich gehalten werden, werden sie dennoch häufig gebrochen. Waffenstillstände sind nie wasserdicht und selten von Dauer. Ein Ersatz für Frieden sind sie schon gar nicht. Die jüngste Waffenruhe zwischen Iran und Irak wird auch nur ein neues Beispiel in einer langen Kette von Täuschungen und Enttäuschungen sein. Zu befürchten ist sogar, daß eines Tages – am Ende einer Phase der Auffrischung und Aufrüstung nach dem nunmehr achtjährigen Waffengang – der nächste Krieg, womöglich aus geringfügigem, doch erwartetem und kalkuliertem Anlaß ausbrechen wird. Für den Sieg gibt es keinen Ersatz, meinte der berühmte US-General MacArthur. Im Nahen Osten haben die Israelis viermal die Bestätigung für diese überlebenswichtige These geliefert. Warum soll sie nicht auch für Länder wie Iran und Irak gelten, von denen keines als Sieger aus der Schlacht hervorging, die sich ewige Feindschaft geschworen haben und die wie zwei Skorpione in dem Nest sind, das Naher Osten heißt?

Ausgeblutete Gegner

Der Krieg ist tot, es lebe der Friede! Dieser Tage handeln im New Yorker Glaspalast der Vereinten Nationen die Außenminister des Iran und des Irak, Ali Akbar Velajati und Tariq Asis, getrennt mit Generalsekretär Pérez de Cuéllar die Details der Waffenstillstands-Vereinbarung aus. Dazu gehört auch, wie es der Sicherheitsrat voriges Jahr in seiner Resolution 598 bestimmte, die Einsetzung einer unabhängigen Kommission zur Prüfung der Kriegsschuldfrage. Während wohl das UN-Team, das diese Woche in Bagdad und Teheran mit den Vorbereitungsgesprächen zur Feuerpausen-Kontrolle auf dem Lande und Wasser beginnt, zügig vorankommen kann, wird sich die Einsetzung des Gremiums, das den Aggressor benennen soll, gehörig in die Länge ziehen, dann vor allem seine Beratungen, Besprechungen und Beschlußfassungen – Zeit und Gelegenheit genug also, um den Waffenstillstand immer wieder zu durchbrechen oder eines günstigen Tages vollends aufzuheben.

Oder brauchen die beiden Todfeinde endlich doch Ruhe, Frieden? Werden es etwa ihre Partner im unmittelbaren Umfeld oder unter den Supermächten nicht zulassen, daß das Feuer am Golf wieder auflodert?